10.11.2021 | Office du Niger (Mali): Frauen-Proteste nach Anschlag auf Überlandstraße (inklusive Interviews)

In Mali ist das Bewässerungsgebiet des Office du Niger (das sich 270 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bamako erstreckt) mittlerweile zu einem der Hauptschauplätze bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen terroristischen – meist dschihadistischen – Gruppierungen einerseits und Selbstverteidigungsgruppen sowie malischen Sicherheitskräften andererseits geworden (vgl. u.a. den Beitrag Lokale Konflikte und Gewalteskalation im Office du Niger (Mali) vom 22.09.2021). Zu den Taktiken terroristischer Gruppen gehören insbesondere nadelstichartige Angriffe auf Dörfer, auf Ernten und Erntegeräte und auf öffentliche Infrastruktur. Die Menschen sollen eingeschüchtert und gefügig gemacht werden – mit dem Ziel, den Staat zu vertreiben und selber Kontrolle über immer größere Gebiete zu erlangen. Einer dieser Angriffe erfolgte in der Nacht vom 1. auf den 2. November 2021, indem zwischen Diabaly und Dogofry ein riesiges Loch in die wichtige Überlandstraße RN 33 gesprengt wurde.

Die Region um Dogofry ist bereits seit Monaten Ziel bewaffneter Angriffe. So betrachtet war es kaum überraschend, dass die Bevölkerung wütend reagierte. Insbesondere Frauen gingen mehrfach auf die Straße. Sie prangerten nicht nur die Angriffe an sich an, sondern auch den Umstand, dass sie sich nicht durch die malischen Sicherheitskräfte geschützt fühlen. Letzteres klingt harmlos, enthält aber wertvolle Hinweise für die in Deutschland geführte Debatte zum Einsatz der Bundeswehr in Mali. Denn die Menschen fordern beides: Eine Verbesserung ihrer sozioökonomischen Lage (nur so können terroristische Gruppierungen langfristig zurückgedrängt werden), aber auch handfesten Schutz durch malische Sicherheitskräfte, was wiederum erklärt, weshalb die Bevölkerung – trotz massiver Kritik an der französischen Antiterrorpolitik – Ausbildungs- und Ausrüstungsprogrammen für ihre eigene Armee positiv gegenübersteht (egal, ob sie von der EU oder Russland kommen).

Zerstörte Straße

Über Mitglieder der bäuerlichen Basisgewerkschaft COPON (mit der ich im Rahmen von Afrique-Europe-Interact zusammenarbeite) habe mich mehrere Videos von den Protesten erreicht. Einige von ihnen möchte ich dokumentieren, und hierzu gehören auch drei Interviews mit protestierenden Frauen sowie einem Vertreter der lokalen Behörden (übersetzt von bambara auf französisch durch meinen Kollegen Alassane Dicko in Bamako – als Ausgangspunkt für die Übersetzung ins Deutsche).

Frauen-Proteste direkt nach dem Anschlag auf die Straße zwischen Diabaly und Dogofry (02.11.2021)

1. Demo direkt am Morgen nach dem Anschlag – die wichtigsten Aussagen sind im Folgenden dokumentiert.

Zunächst Impressionen von der Demonstration:

Rufe der Frauen in der marschierenden Menge: Wir haben es satt – wir wollen Frieden – wir sind bäuerliche Opfer – wir brauchen Hilfe – die Behörden müssen ihren Blick ändern – wir sind alle Malier – was tun die Militärbehörden – wir werden vor Hunger sterben – helft uns – was für ein Unglück – wie sollen wir es schaffen – es ist das Ende der Welt – wohin sollen wir gehen?

Reporter: Wir befinden uns jetzt mitten in der Demonstration und werden die Frauen nach ihrer Meinung fragen: Guten Morgen, meine Damen, Sie sind heute in großer Zahl erschienen, warum diese Aktion?

– Wir sind heute auf die Straße gegangen, um die kriminellen Handlungen anzuprangern, die uns daran hindern, unsere landwirtschaftlichen Tätigkeiten auszuüben.

– Heute Morgen haben wir uns den Schaden an unserer Straßenbrücke angesehen, und was wir gesehen haben, verbietet uns, zu Hause zu bleiben. Wir, die Bäuerinnen, sind „betroffen“ von all den Problemen, die sich in unserer landwirtschaftlichen Region abspielen. In dieser Krise wissen wir nicht, was wir denken sollen.

– Nachts sorgen wir uns um den nächsten Tag, tagsüber fragen wir uns, wie der Tag wohl enden wird, und abends machen wir uns Sorgen, wie die Nacht verlaufen wird…

– In dieser Situation wurde unsere einzige Straße, der einzige Weg, der uns mit anderen Ortschaften verbindet, von bösen Menschen zerstört…

Mikrofon: Welche Botschaft haben Sie für die Welt?

– Wir richten diesen Appell an alle Menschen guten Willens und vor allem an die malischen Übergangsbehörden, damit sie sich um uns, die malischen Bürger, kümmern, deren Alltag von Tränen, Weinen und vielfältigen Leiden geprägt ist…

– Wir werden von bewaffneten Verbrechern umzingelt, blockiert oder verfolgt. Wir haben keine Hoffnung und unsere Zuversicht ist durch all das erheblich angeschlagen.

– Unsere Männer werden von den bewaffneten Gruppen ins Visier genommen, und sie haben es sehr schwer, die Sicherheit hier aufrechtzuerhalten…

– Wir haben keine wirkliche landwirtschaftliche Arbeit geleistet, und die Vorräte in unseren Häusern sind stark geschrumpft. Das ist definitiv eine Katastrophe, und wir stehen am Rande einer Hungersnot, wenn nichts getan wird, um diese Krise zu beenden.

Große Frauen-Demonstration in Diabaly – einem Behördenzentrum, wo auch das malische Militär einen wichtigen Stützpunkt unterhält (04.11.2021)

2. Demo zwei Tage später – einige der Aussagen sind im folgenden widergegeben.

Zunächst Impressionen aus der Demonstration in Dogofry, von wo sich die Frauen auf den Weg Richtung Diabaly machen:

– Tumult in der Menge der Demonstrantinnen, die mit offensiven Slogans das Volk aufrütteln wollen, Beschwörungsformeln gegen die Gewalttäter und Gebete für die Rettung der Nation „Mali“, kurz: für den sozialen Zusammenhalt.

– Dutzende Menschen bewegen sich hinter dem großen Protesttransparent vorwärts, in Richtung des Busplatzes, wo auch die anderen Demonstrantinnen zusammenkommen. Einige fahren mit Motorrädern los, die Engagiertesten haben den Weg bereits zu Fuß zurückgelegt, eine Strecke von mehr als 10 Kilometern, die übrigen nehmen Busse.

Reporter: Hey, mutige Frau, was für eine mutige Entscheidung, nach Diabaly zu gehen. Aber schaffen sie das wirklich?

Natürlich, und erst recht, wenn es danach nach Niono [größte Stadt im Bewässerungsgebiet des Office du Niger] geht.

Reporter: Aber warum genau wollen Sie gehen?

– Wir gehen, weil wir müde sind, mehr noch, weil wir von der Krisensituation hier am Boden zerstört sind…

– Unsere Brücke auf der Straße nach Diabaly wurde kürzlich durch Minen zerstört. Wo waren unsere Soldaten? Sie sind nicht weit von hier. Das Militär hinderte die Dozos [lokale Selbstverteidigungseinheiten] daran, das Gebiet zu überwachen. Warum ist das Militär nicht geblieben, um die Brücke in der Nacht zu sichern, als eine Bedrohung durch Dschihadisten bestand? Die Soldaten waren auf Patrouille in der Gegend, aber sie gingen weg, und das ist das Ergebnis. Warum haben sie nicht interveniert?

– Wir gehen in das Militärlager, um herauszufinden, was sie uns zu sagen haben.

– Wir sind müde und allein gelassen, und das müssen wir kundtun…

– Wir müssen dorthin gehen, um herauszufinden, ob das Militär uns helfen wird oder nicht…

Reporter: Hey, gehst du auch und warum?

– Ich kann keinen Platz im Bus finden, aber ich gehe zu Fuß, damit ich nichts verpasse…

Reporter: Aber warum genau?

– Wir sind alle verzweifelt, und dies ist unser aktueller Kampf.

– Wir werden immer noch angegriffen und vergewaltigt, und unsere Kinder und Ehemänner verlieren jeden Tag ihr Leben. Die Situation ist unerträglich, aber wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen.

– Wir sind alle Bauern, das ist unser Leben, das bestimmt unser tägliches Leben, aber jetzt ist es bedroht.

– Wir haben keine Bewegungsfreiheit mehr, unsere Felder und Ernten werden von bösen Menschen niedergebrannt…

– Wir werden an der Ausübung unserer Tätigkeit gehindert, obwohl dies die Lebensgrundlage für uns Fischer, Hirten und Bauern ist.

– Wir kennen Krieg eigentlich nicht und unser tägliches Leben ist bedroht.

– Die Behörden müssen uns sagen, ob wir auch Malier sind oder ob wir uns nicht mehr in Mali befinden [was den Schutz durch Militär betrifft]

– Ja, wir müssen wissen, ob Dogofry nicht mehr zu Mali gehört, denn das Gebiet um Dogofry versorgt die Märkte mit Reis und anderen Gemüsesorten, und wenn das Office du Niger [Bewässerungsgebiet] in die Hände der Dschihadisten fällt, dann ist alles vorbei…

Reporter: Jetzt verstehe ich Ihren Ansatz, aber was sind Ihre Forderungen?

– Wir Frauen sind es, die unter dieser Situation am meisten leiden, denn wir selbst, unsere Söhne und Ehemänner sind Opfer der Krise.

– Wenn wir also alle Malier sind, sollte unsere Armee uns zu Hilfe kommen und unsere Dörfer hier im Office du Niger schützen.

Reporter: Welche Botschaft haben Sie für den Hauptmann des Militärlagers?

– Insbesondere sollte er uns erklären, wie es sein kann, dass die Angriffe jedes Mal weniger als 10 Km oder oft sogar 2 Km von einer militärischen Stellung entfernt stattfinden? Wie kommt es, dass die Soldaten nie vor Ort sind, wenn sie mehrere Stunden oder sogar einen Tag brauchen, um nach einem Angriff einzugreifen?

– Es dauert jedes Mal sehr lange, bis unsere Soldaten auftauchen, und dann gehen sie sehr bald wieder.

– Wir, die Bäuerinnen, sagen, dass sie versagt haben und dass wir bereit sind, ihnen unsere Kleider im Austausch gegen ihre Uniformen zu geben…

Reporter: Ach so, du willst ihnen also deine Kleider geben und ihren Platz hier einnehmen?

– Ja, natürlich, denn sie scheinen ihren Auftrag hier nicht erfüllen zu können…

– Wie wichtig ist ihre Anwesenheit oder wollen sie das Gebiet den Dschihadisten überlassen?

Reporter: Vielen Dank, liebe Frauen, das ist alles gut verständlich und viel Glück im Kampf…

Impressionen von der zweiten Demo.

Radio-Interview (RADIO RURALE DAKAN) mit stellvertretendem Bürgermeister von Dogofry Zoumana Coulibaly (04.11.2021)

Radiosprecher: Im Moment befinden wir uns im Rathaus von Dogofry und es sind die Frauen und die Jugend, die sich auf den Weg gemacht haben, um [in Diabaly] gegen die unsichere Lage im ländlichen Bereich zu protestieren. Das Rathaus ist der Ort, an dem die Menschen zusammenkommen, und wir nutzen die Gelegenheit, um mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Dogofry zu sprechen. Hallo Herr Bürgermeister. Was halten Sie von dieser großen Versammlung, die von den Frauen und Jugendlichen Ihrer ländlichen Gemeinde initiiert wurde, um ihre Verzweiflung gegenüber den Behörden zu demonstrieren?

Ich grüße alle Hörer von Dakan Radio, insbesondere Sie, Nfa Yattara, und ich danke für die Unterstützung unserer aktuellen Aktivitäten [der stellvertretende Bürgermeister unterstützt also die Demonstration, auch wenn er im Interview als Offizieller spricht]. Heute ist Donnerstag, der 04.11.2021. Dieser außergewöhnliche Tag ist der Tag der Demonstration der Bevölkerung der landwirtschaftlichen Zone [des Office du Niger] im Allgemeinen und der Bäuerinnen und der Landjugend von Dogofry im Besonderen. Und zwar, um ihre Verbitterung auszudrücken. Ich bin Zoumana Coulibaly, der stellvertretende Bürgermeister, ich danke Gott und freue mich über diese Initiative, die zeigt, dass die Lage kritisch ist. Die frühere Situation mit gelegentlichen Zusammenstößen hat sich zu einer offenen Krise ausgeweitet, und ich kann bestätigen, dass mehrere Demo-Anmeldungen seit dem 06.10.2020 [aus Sicherheitsgründen] negativ beschieden wurden. Nach vielen Absagen haben wir jedoch dieses Mal dem Antrag zu einer Demonstration stattgegeben, weil die Dinge hier nicht gut laufen. Jedes Mal haben wir den Menschen gesagt, dass sie den Behörden vertrauen und sich vor allem auf Gott verlassen sollen. Angesichts der dramatischen Auswirkungen der Krise auf unsere Bevölkerung und der Zunahme der allgemeinen Unsicherheit haben wir das Gefühl, dass es legitim ist, Forderungen zu stellen, und dass es bürgerschaftliche Verantwortung ist, die die Organisatoren der aktuellen Demonstration antreibt. Es ist ganz „normal“, um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn Menschen ohne Aussicht auf echte Lösungen leiden. Es ist ihr Recht, die Situation, in der sie sich befinden, anzuprangern und die Öffentlichkeit zu informieren. Dies muss jedoch im Einklang mit dem Gesetz und ohne Beleidigungen oder Sachschaden geschehen. Es ist Sache des Patienten, seinen Schmerz auszudrücken, damit eine Lösung gefunden wird. In diesem Sinne haben wir die Demonstration zugelassen. Eine erste Versammlung wurde kürzlich wegen der Militäroperationen in dem Gebiet verschoben. Aber danach mussten wir die Aktivität stattfinden lassen. Damit soll die Bevölkerung sensibilisiert werden, auch die [grundsätzliche] Unterstützung für die Soldaten soll zum Ausdruck gebracht werden, damit die Sicherheit wiederhergestellt werden kann. Wir sehen die Soldaten auf unseren Plätzen, aber es gibt die Offiziere, die für sie verantwortlich sind. Und die Demonstranten gehen deshalb zu diesen Offizieren hin. Dieses Vorgehen kann eine große Wirkung haben. Denn die regelmäßige Präsenz von Soldaten [hier in der Region] hat eine starke Abschreckungswirkung, zumal wir zwei Streitkräfte in der Gegend haben: Es gibt die malische Armee [FAMAS] und es gibt die die Dozos [Selbstverteidigungseinheit], die zusammenarbeiten…

Radiosprecher: Warum wollen die Frauen und die jungen Menschen heute [in Diabaly] demonstrieren? Hat sich die Lage in jüngerer Zeit geändert und wenn ja, in welche Richtung?

Wie Sie andeuten, die Situation wird jeden Tag schlimmer. Seit dem 10.06.2021 haben wir den Verlust von mehreren Menschenleben zu beklagen, und unsere Felder sind überall zerstört worden. Die Krise wächst und breitet sich auf alle Bereiche aus. Wir beobachten viele Unzulänglichkeiten auf Seiten des Militärs, unsere Soldaten brauchen dringend Unterstützung, um den Angriffen zu begegnen. Wir haben mehrfach an die militärische Führung appelliert, die Zahl der Truppen und Patrouillen zu erhöhen, um den verschiedenen Bedrohungen zu begegnen. Was uns überrascht, ist, dass am 24.10.2021 militärische Verstärkung hier in Diabaly angekommen ist, nicht weit von Kourouma entfernt [nächstgrößeres Dorf]. Aber seit ihrer Ankunft haben wir keine Aktivitäten der Soldaten erlebt, und bis jetzt sind sie nicht zu uns gekommen, um mit uns zu sprechen. Der letzte Grund für die „Revolte“ der Frauen war die Zerstörung der Brücke und die Sperrung der Nationalstraße, die den Norden über Dogofry-Diabaly-Kourouma und Léré-Nampala mit Ségou und Bamako verbindet.

Radiosprecher: Welche Botschaft haben Sie für die heutigen Demonstranten?

Ich hoffe, dass diese Demonstration gut verläuft, und ich bitte die Menschen, die Gesetze zu respektieren. Denn auch bei der Ausübung von Rechten muss man Maß halten, damit man seine Gründe für die Demonstration nicht verliert. Ich hoffe, dass die Stimmung gut sein wird und dass alle Demonstranten sicher nach Hause zurückkehren werden, und ich wünsche vor allem den Frauen und Jungbauern des Office du Niger alles Gute. Vielen Dank auch an Sie von Radio Dakan.