01.07.2023 | Kurzkommentar: Wie das Ende der UN-Friedensmission MINUSMA und europäische Zustände zusammenhängen

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Es gibt keine einfachen Kausalzusammenhänge, aber wenn in Mali eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung das Ende der UN-Friedensmission Minusma (leider) begrüßt, dann ist das eben auch ein fernes Echo darauf, dass in Frankreich (einmal mehr) die Vorstädte brennen, dass im Meer und in der Wüste tausende Migrant:innen sterben (weil es keine regulären Zugangswege nach Europa gibt) und dass in Deutschland ein Bericht veröffentlicht wird, wonach rund die Hälfte der Menschen antimuslimische Ressentiments hegt (ähnlich viel wie in Österreich und der Schweiz, aber rund 10 Prozent mehr als in Frankreich und England). Europa muss sich endlich ehrlich machen und seinen Teil der Verantwortung dafür benennen, dass immer mehr (junge) Menschen im Sahel (aber auch in vielen anderen afrikanischen Ländern) von (West-)Europa nichts mehr wissen möchte, vor allem nicht von dessen Menschenrechtsdiskursen. Denn Europa verfolgt Doppelstandards, was nicht nur die Situation innerhalb der EU oder an dessen Außengrenzen zeigt.

So stößt auf internationaler Bühne die Tatsache, dass es in Mali im staatlichen Antiterrorkampf zu einigen hundert zivilen Opfern gekommen ist (was fraglos zu kritisieren ist – inklusive Rechenschaftspflicht), auf riesige Empörung und umfassende Berichterstattung. Dass sich aber allein in Mali, Burkina Faso und Niger Millionen Menschen, ja ganze Gesellschaften seit rund 10 Jahren in der Geiselhaft dschihadistischer und anderer Terroristen befinden – mit tausenden geschlossenen Schulen, mit steigenden Todeszahlen wegen Hunger und unbehandelten Krankheiten etc. etc. – das sorgt allenfalls für routinierte (aber völlig unzureichende) humanitäre Hilfe. Und vor allem wird nicht im geringsten in Erwägung gezogen, dass die Duldsamkeit der Menschen gegenüber den im Antiterrorkampf getöteten Zivilist:innen mit diesem „stillen“ und permanenten Leiden zu tun hat. So zu denken, ist kein Plädoyer dafür, Übergriffe oder Massaker staatlicher Sicherheitskräfte zu ignorieren (denn Staaten unterliegen anderen Pflichten), aber es ist ein Plädoyer dafür, umfassender und konfliktsensibler vorzugehen, das heißt sich auf die jeweilige Gesamtsituation einzulassen und nicht jeweils den Blickwinkel zu wählen, der für Europa der bequemste scheint – bei gleichzeitiger Ausblendung dessen, worin Europas Beitrag zur Misere liegt, historisch wie konkret, auch im Zuge der völlig gescheiterten (weil neo-kolonial aufgeladenen) französischen Anti-Terroroperation Barkhane, die am Ende auch Minusma diskreditiert hat.