Trans-identitäre Organisierung & Hybridität
Stichworte zur Orts-, Organisations- und Identitätsdebatte rund um’s 5. Antirassistische Grenzcamp. Oder: Warum dieses Jahr die Musik in Thüringen spielt?!
Ursprünglich erschienen in: Interim, Februar 2002
1. Auftakt
Glücklich sicherlich nicht, aber unterhalten (und obendrein auf den Boden der Tatsachen geholt), dürfte sich fühlen, wer in den letzten Monaten Zugang zur internen Mailing-Liste, d.h. zum virtuellen Diskussionsforum der Antirassistischen Grenzcamp-Community hatte. Denn geboten wurde dort so Manches, nicht zuletzt ein fulminanter Debatten-Showdown rund um die Frage, ob und wie das mehrheitlich deutsch-weiße Grenzcampvölkchen gezielt mit MigrantInnen- und Flüchtlingszusammenhängen kooperieren sollte, auf dass langfristig nicht nur die deutsch-weißen Dominanzen innerhalb linksradikaler Zusammenhänge ausgehebelt, sondern auch trans-identitäre, mehr noch: hybride Bündnisse geschmiedet werden können.
Aufhänger der Debatte ist indessen ein anderer gewesen, die Frage danach, wo denn das 5. Antirassistische Grenzcamp im Jahre 2002 seine Zelte aufschlagen sollte: in Hamburg (als unmittelbarer Fortsetzung des Frankfurter Grenzcamps) oder in Thüringen (als Wiederanknüpfung an die ersten drei Grenzcamps). Pikant hieran ist weniger das schon oft ausgewalzte Spannungsverhältnis zwischen westdeutscher Metropole und ostdeutscher Provinz gewesen (einschließlich des unter westdeutschen Linksradikalen gerne kultivierten Anti-Zonen-Chauvinismus). Nein, pikant ist vielmehr gewesen, dass sich für Thüringen in erster Linie die Flüchtlingsselbstorganisationen „The Voice“ sowie „Brandenburger Flüchtlingsinitiative“ stark gemacht haben.
Denn hierdurch ist im Gewande der Ortsfrage ein ganz anderes Problem akut geworden, das eben schon erwähnte Problem, ob und wie weiße AntirassistInnen ihre Dominanzen (inklusive ihrer Weißheit) anzugehen und so von ihrer Seite aus (!) die Voraussetzung für trans-identitäre Bündnisse zu schaffen hätten. Diese Überlappung zweier gänzlich unterschiedlicher Fragestellungen hat die Debatte einigermaßen erschwert: Während die Pro-Hamburg-Fraktion (vertreten im übrigen v.a. durch Nicht-HamburgerInnen) insbesondere die Vorzüge der Metropole gepriesen, das allerdings mit dem Vorwurf verknüpft hat, die Thüringen-BefürworterInnen würden sich in althergebrachter, d.h. moralinsaurer Antira-Manier dem Anliegen der Flüchtlinge unterordnen und auf diese Weise einem banalisierten Menschenrechtsaktivismus Vorschub leisten, argumentierte der Thüringen-Flügel andersherum, wenn auch weniger zugespitzt: Danach sei es unumstritten, dass Hamburg das bessere Pflaster für linksradikalen Antirassismus abgäbe. Und dennoch: Die Chance, durch einen direkten Kooperationspakt mit politisch organisierten Flüchtlingen erste Schritte in Richtung trans-identitärer Organisierung zu gehen (und somit den „Wir-Ihr-Effekten“ rassistischer Ein- und Ausschlußmechanismen das Wasser abzugraben) sei einfach zu groß, ja zu verlockend, als dass sie vergeigt werden dürfte.
So weit die überaus verkorkste Ausgangssituation. Entschieden wurde trotzdem, auf einem Treffen Anfang Dezember in Göttingen, und zwar – anders als von den meisten erwartet – zugungsten von Thüringen! Das aber blieb nicht folgenlos. Die mehr als knapp (und sicherlich komisch) zustandegekommene Entscheidung war gerade mal drei Minuten alt, da entpuppte sich so mancheR LinksradikaleR einmal mehr als typisch deutscher Michel, d.h. als „typisch deutscher Verlierer“ (wie es einer der Betreffenden unumwunden zugab): Nicht nur wurden die ersten Austritte aus dem Vorbereitungskreis des Grenzcamp-Projektes verkündet, nein, es wurden bereits Gegenaktivitäten in Aussicht gestellt (die mittlerweile mit eigenem Aufruf beworbenen Schill-Y-Out-Days in Hamburg). Und auch wurden die bereits erwähnten Vorwürfe gegen die Thüringen-BefürworterInnen auf durchgedreht anmutende Weise zugespitzt: Die Rede war jetzt von „deutschen Antiras“, die „mal wieder ihr Geschäft im Namen der Flüchtlinge gemacht“ und die so – Berti Voigts läßt grüßen – einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet hätten, das anti-rassistische Grenzcamp-Projekt (als einem der vielverprechendsten Projekte der Radikalen Linken überhaupt) an die Wand zu fahren.
2. Metropole Hamburg
Insbesondere drei Argumente haben es den Hamburg-Freundinnen angetan:
a) Große Öffentlichkeit: In dem für die Debatte zentralen, von einem Hamburg-Fan-Club So36 unterzeichneten Bewerbungsschreiben heißt es diesbezüglich: „Viel eher als in der Kleinräumigkeit an der deutsch-polnischen bzw. deutsch-tschechischen Grenze ließe sich hier eine überregionale Öffentlichkeit herstellen, die die rassistische Abschiebe- und Abschottungspolitik auf Bundesebene zum Thema macht (…) Das Gehörtwerden und die Intervention in die laufenden Diskurse stellen wir uns in Hamburg wesentlich erfolgreicher vor als sonstwo.“ Und auch bestünde in HH die Chance, „dem Grenzcamp in der Außenwirkung wieder ein verstärkt linksradikales/autonomes Profil zu verleihen.“
Begründet
wird diese Erwartung mit zweierlei: Auf der einen Seite gäbe es in
Hamburg – vergleichbar den Frankfurter Verhältnissen – eine
insgesamt größere, gegenüber antirassistischen Anliegen stärker
aufgeschlossene Öffentlichkeit, bestehend aus linken
JournalistInnen, Resten des bürgerlich-alternativen Lagers, diversen
MigrantInnen-Communities, extremistischen KulturproduzentInnen
(Hamburger Schule und so…) sowie, last but not least, eine immer
noch vielfältige, als gigantischer Resonanzkörper fungierende
linksradikale Szene. Auf der anderen Seite seien in Hamburg
(Stichwort: Hamburg als Hort linksradikaler Bewegungsgeschichte)
„linksradikale Kodierungen einer breiteren Öffentlichkeit
bekannt (wenngleich nicht unbedingt sympatisch)“, mit der
Konsequenz, dass „unsere“ Anliegen nicht von vorneherein
Gefahr laufen, mißverstanden zu werden, sei es als pures Chaotentum
oder als seichte Menschenrechtelei.
b)
Große Themenpalette: Als Großstadt hätte Hamburg eine komplexere
Sozialstruktur als z.B. Jena oder Erfurt, es gäbe vielfältigere
Milieus, Kulturen und Subkulturen, einen höheren MigrantInnenanteil,
mehr staatliche und gesellschaftliche Institutionen, eine komplexere
Infrastruktur (vom Hafen bis zur U-Bahn), seit jüngstem einen
rassistisch-autoritären Innensenator etc. etc. Hierdurch vergrößere
sich nicht nur die Zahl praktischer Interventionspunkte, nein, solche
offensichtlich komplexen Verhältnisse verböten es von vorneherein,
sich allzu schnell mit einfachen Analyse- und Interventionslösungen
zufrieden zu geben, einer Gefahr, der ja (westdeutsche) Linksradikale
nicht ganz selten erliegen würden, nicht zuletzt im scheinbar ach so
homogenen Osten…
c) Standortvorteil Hamburg: Hamburg ist großartig, nicht nur wegen seiner traditionsreichen und großen Polit-Szene, nein, auch so – einfach als Stadt: „Die Elbe, der Hafen, die Schanze und der goldene Pudel, Altona und Fischmarkt, Alsterschippern und Alter Elbtunnel, Land Unter und die Hamburger Schule…na ja, Ihr wißt schon“ (Fan Club So36)
3. Stimmig, und irgendwie doch nicht…
Sicherlich, viele der genannten Argumente sind stimmig, jedenfalls im großen und ganzen. Und dennoch: Bei näherer Draufsicht fällt so manches Argument fragwürdiger bzw. weniger stichhaltig aus, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Dies gilt es herauszuarbeiten, ist doch andernfalls eine ernsthafte Gewichtung der Pro-Thüringen- mit den Pro-Hamburg-Argumenten kaum möglich:
a)
Zur „Großen Öffentlichkeit“: 1. Dass die Pressereaktionen
in Frankfurt derart reichhaltig gewesen sind, hatte nicht nur mit
großstadtähnlichen Verhältnissen zu tun, sondern auch mit Anderem:
Zum einen ist das Grenzcamp seitens der Öffentlichkeit (nicht
zuletzt der ausländischen Öffentlichkeit) direkt mit dem
Anti-Globalisierungs-Widerstand in Göteborg und Genua in Verbindung
gebracht worden. Das hat viele Extra-Aufmerksamkeits-Credits
eingebracht. Zum anderen ist die Idee, das hochsensible (!) Gebilde
„Frankfurter Flughafen“ zu attackieren, ein echter Clou
gewesen. Hierdurch ist es uns möglich gewesen, mit unseren Aktionen
auf eine Weise Sand in’s Getriebe zu streuen, wie das sonst nur
selten der Fall ist. Auch das hat zusätzliche Aufmerksamkeit erregt,
Aufmerksamkeit, mit der anderswo nicht so ohne Weiteres zu rechnen
ist. 2. Desweiteren ist anzumerken, dass die These zwar stimmt,
wonach in Hamburg von einer potentiell größeren Öffentlichkeit
auszugehen ist, dass die Bedeutsamkeit hiervon allerdings nicht
überschätzt werden sollte. Denn um tatsächlich politischen Druck
aufbauen zu können (und um den geht es ja letztlich), bedarf es mehr
als kurzer Momente öffentlicher Präsenz, sei es auf Seite 4 in der
Frankfurter Rundschau, auf Seite 1 in der Süddeutschen Zeitung oder
40 Sekunden in der Tagesschau. Nein, wachsender Druck verdankt sich
vielmehr direkten Mobilisierungserfolgen, d.h. dem Umstand, dass
immer mehr (!) Menschen bereit sind, auf eine bestimmte, z.B.
antirassistische Weise Position zu beziehen und so politischen Druck
aufzubauen. Wie aber kommt es zu Mobilisierungserfolgen? Zum einen
darüber, dass wir mit unseren Anliegen öffentlich präsent sind und
auf diese Weise potentiell Interessierte aufhorchen lassen. Das
allerdings ist nur die eine Seite der Medaillie. Die andere ist
unsere Bereitschaft (ob in Hamburg, Thüringen oder sonstwo), immer
wieder offen auf alle die zuzugehen, die uns zwar irgendwie
nahestehen und die deshalb immer wieder aufhorchen, die sich aber
noch nicht, zumindestens nicht weitergehend, in linksradikale
Zusammenhänge verirrt haben. Just diese Bereitschaft ist indes in
linksradikalen Zusammenhängen mehr als unterentwickelt. Sie
herauszubilden, ist deshalb absolut erforderlich, sind wir doch
andernfalls dazu verurteilt, weiterhin um uns selbst, d.h. um unsere
eigene, mehr als marginale Randexistenz zu kreiseln. So betrachtet
dürfte deutlich werden, weshalb es zu kurz greift, einfach mal die
Hamburger Öffentlichkeitspotentiale zu lobhudeln, ohne jedoch
genauer auszuloten, ob diese unter den gegebenen Bedingungen
überhaupt effektiv nutzbar sind, jedenfalls so effektiv, dass sie
als ausschlaggebendes Pro-Hamburg-Argument taugen. Oder zugespitzter
noch: Was nutzt uns die schönste Öffentlichkeit (die in Hamburg
sicherlich zu haben ist), wenn wir gleichzeitig nichts bzw. nur sehr
wenig daraus machen? 3. Wenn wir von öffentlicher Wirksamkeit
sprechen, dann sollte schließlich auch nicht vergessen werden, dass
ein (trans-identitäres) 1000-Personen-Camp, davon vielleicht die
Hälfte Flüchtlinge und MigrantInnen, einen ganz eigenen
Ereigniswert darstellt und auf diese Weise so manchen
thüringenspezifischen Öffentlichkeitseffekt herstellen könnte.
b)
Zur „Großen Themenpalette“: Auch dieses Argument scheint
mir schief zu sitzen: 1. Gewaltverhältnisse gibt es überall, sie
treten stets gemeinsam auf, ob in der Großstadt oder der Provinz.
Auf den Punkt gebracht wird dies nicht zuletzt durch die Sprößlinge
sog. „National Befreiter Zonen“: Mal attackieren sie
Schwule, dann verwüsten sie jüdische Friedhöfe, oder sie jagen
MigrantInnen, zünden Flüchtlingsunterkünfte an, und auch
erschlagen sie von Zeit zu Zeit Obdachlose, machmal auch Behinderte.
Sie zeigen hiermit – es mag noch so bizarr sein -, dass
Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus, Heterosexismus,
Kapitalismus, Normalismus etc. nicht nur überall anzutreffen,
sondern auch auf vielfältige Weise miteinander verschränkt sind.
Hieraus folgt aber: Dass es in Hamburg mehr Interventionspunkte geben
soll als anderswo, davon kann, jedenfalls im Lichte solcher
Überlegungen, einfach nicht die Rede sein! 2. Die Tatsache, dass die
mögliche Themenpalette, ob in Hamburg oder Thüringen, prinzipiell
groß ist, heißt noch lange nicht, dass es im Rahmen des
antirassistischen Grenzcamps sinnvoll wäre, sämtliche dieser Themen
aktionsförmig (!) umzusetzen. Vielmehr will überlegt sein, welche
Themen bzw. welche Themenverknüpfungen wann, wo und wie aufbereitet
werden. Denn nur, wo dies in systematischer und strategischer Absicht
erfolgt, wird thematische Vielfalt zur Stärke. Andernfalls droht
Verzettelung und somit der Eindruck allzu großer Unübersichtlichkeit
oder gar Beliebigkeit (Stichwort: Roter Faden!). Diese Einschätzung
ist innerhalb des Grenzcampzusammenhangs lange geteilt worden, mit
dem Zusatz allerdings, dass das Grenzcamp mehr zu sein habe als purer
Aktionsraum, nämlich auch diskursiver, d.h. öffentlicher Raum, also
Raum für Veranstaltungen, workshops und Diskussionsrunden, auf dass
wenigstens in diesem Sinne thematische Vielfalt herrschen möge. So
betrachtet, dürfte aber deutlich werden, wie schief es ist, mit dem
Argument inhaltlicher Vielfalt für Hamburg zu werben. Denn wenn ein
Gutteil der inhaltlichen Vielfalt sowieso über Veranstaltungen u.ä.
hergestellt wird, dann hat doch dieser Aspekt mit der Ortsfrage nur
sehr wenig zu tun! Oder macht es für die jeweiligen Inhalte (welche
eh schriftlich aufbereitet, d.h. über verschiedendste Szene-Medien
publik gemacht werden sollten) einen Unterschied, ob das
Grenzcamp-Veranstaltungszelt in Hamburg oder Thüringen steht?! 3.
Der Umstand, dass (westdeutsche) Linksradikale immer wieder, nicht
zuletzt im Osten, zu Simplifizierungen neigen (und so
ungewollterweise der völkischen Weltsicht entgegenarbeiten, wonach
so manche Ost-Zone von „Fremdem“ und „Anderem“
befreit sei), ist zweifelsohne blöd. Allein: Kurieren lässt sich
derlei Verhalten nicht in Hamburg! Nein, den linksradikalen Hang zu
Simplifizierungen, Stereotypisierungen u.ä., dem kann nur – überall
dort, wo er auftritt – durch inhaltliche Veranstaltungen u.ä.
begegnet werden, und die können stattfinden, wo sie wollen,
Hauptsache, sie finden statt!
c) Zum „Standortvorteil Hamburg“: Geschenkt, Hamburg ist großartig. Insofern ist es zweifelsohne ein charmanter Schachzug des Kreuzberger Bewerbungsschreibens gewesen, Hamburg auch in dieser Hinsicht abzufeiern. Und dennoch: Dass der Flair einer Stadt in einer politischen Debatte eine derart zentrale Rolle bekommen hat (zumindest unterschwellig), das ist doch ein wenig obszön (oder auch wohlstandschauvinistisch), jedenfalls gemessen daran, dass wir es leider mit äußert beschissenen Dingen zu tun haben, u.a. mit so etwas Banal-Bösem wie der Residenzpflicht, die es bestimmten Menschen schlicht verbietet, nach Lust und Flair zu leben bzw. Politik zu machen.
4. Zwischenbilanz
Zugestanden, viele meiner Einwände sprechen auf keinen Fall gegen, sie sprechen aber auch nicht für Hamburg, sie zeigen lediglich, dass eine ganze Reihe der zugungsten von Hamburg in’s Spiel gebrachten Argumente mitnichten so zugkräftig sind, wie es in vielen Debattenbeiträgen immer wieder als unhintergehbare Selbstverständlichkeit behauptet wurde (Stichwort: Selbstläufer…). Insbesondere die Doppel-Problematik, (1.) auf welche Weise und (2.) mit welchen Zielsetzungen „wir“ beabsichtigen, Öffentlichkeit herzustellen, ist um einiges komplexer, ja unaufgelöster, als in den allermeisten Pro-Hamburg-Statements der Eindruck erweckt wird. Demgegenüber sprechen allenfalls zwei Umstände für Hamburg: 1. Hamburg ist in der Tat eine attraktive Stadt und auch verfügt Hamburg über eine (immer noch) große Szene. Im Falle eines Hamburger Camps (vielleicht ja 2003…) hätte das indessen beeindruckende TeilnehmerInnenströme zur Folge, einschließend diverser Rückkoppelungseffekte, welche dies (auch über Hamburg hinaus) für die linksradikale Szene mit sich brächte. 2. Schill: Keine Frage, Schill ist gefährlich, nicht zuletzt als modernisierter Prototyp einer sich immer autoritärer gebärdenden Innen- und Rechtspolitik. Mit der power eines antirassistischen Grenzcamps eine diesbezügliche Kampfansage zu machen, wäre sicherlich sinnvoll!
5. Vom weißen Antirassismus zur trans-identitären, mehr noch: zur hybriden Organisierung
Wie eingangs schon angedeutet, hat sich das Hamburg-Lager nicht damit begnügt, Hamburg als potentielle Grenzcamp-Stätte stark zu machen. Nein, es wurde zusätzlich (so wie in jeder hundsgemeinen Wahlkampagne auch) explizit gegen Thüringen argumentiert, mitunter polemisiert. Und das auf zweierlei Weise: Zum einen wurden viele der Pro-Hamburg-Argumente nicht nur positiv, sondern auch negativ, d.h. als Anti-Thüringen-Argumente in die Waagschale geworfen, eine sattsam bekannte Strategie, die keiner weiteren Erläuterung bedarf. Zum anderen ist Thüringen ob der für dort in’s Auge gefaßten Kooperation zwischen dem mehrheitlich deutsch-weißen Grenzcampvölkchen sowie The Voice und anderer Flüchtlingsselbstorganisationen massiv attackiert worden. Denn programmatisch hätte dies die „Reduktion auf bloßen Antirassismus“ (Schill-Y-Out-Days-Aufruf) zur Folge, bedeutete also nichts anderes als den Ausverkauf linksradikaler Widerstandsperspektiven: Anstatt Antirassismus als prinzipielle Absage an die gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen, würde mit der Thüringen-Entscheidung nur noch das aus der Antira-Arbeit hinlänglich bekannte (und nicht selten als karitativer Paternalismus daherkommende) Unterstützungs-Klein-Klein drohen. Als Ort radikaler Gesellschaftskritik hätte das Grenzcamp somit ausgedient. Zu erwarten sei vielmehr ein „flüchtlingspolitisch reduziertes Camp“ – zuungunsten eines „Hamburger-Polit-Zeltlagers“ (um nur eine von vielen diesbezüglichen Stimmen zu zitieren). Warum das so wäre, das indessen ist nur selten ausgeführt worden, wahrscheinlich, weil es als Subtext sowieso allen klar geworden sein dürfte: Im Kern scheint es den KritikerInnen darum zu gehen, dass The Voice keine genuin linksradikale Kombo sei, genausowenig wie die Mehrheit der deutsch-weißen Antiras (wer immer das innerhalb des Grenzcampzusammenhangs sein soll) mit Antira-Arbeit gesellschaftsverändernde oder gar revolutionäre Perspektiven verbinden würde. Da aber The Voice und andere Flüchtlingsselbstorganisationen (samt ihrer deutschen Antira-FreundInnen) Quasi-AusrichterInnen des Thüringer Camps wären, hätte das automatisch den beklagten Substanzverlust zur Folge. Dieser Perspektive gilt es, in vielerlei Hinsicht zu widersprechen:
1.
Es mag sein (ohne mir wirklich ein Urteil anmaßen zu können), dass
The Voice in seiner Gesamtheit kein linksradikaler Zusammenhang ist
(so wie Linksradikalität gemeinhin, d.h. seitens deutscher Linker
bestimmt wird), jedenfalls könnte mensch das aus der offiziellen
Selbstdarstellung von The Voice herauslesen (www.humanrights.
de/voice). Allein: Mir scheint dies kein Zufall zu sein. Wem die
fundamentalen Menschen- und Sozialrechte entzogen sind, die bzw. der
hat notgedrungenerweise ein ganz eigenes Politik- und
Radikalitätsverständnis. Konkret: Wenn The Voice z.B. einklagt:
„Recht auf Leben – Abschaffung von Folter, unmenschlicher und
erniedrigender Behandlung; Abschaffung von Sklaverei und
Zwangsarbeit; Recht auf persönliche Freiheit und Sicherheit“,
dann spiegelt sich hierin ein Erfahrungshorizont wieder, der
deutschen Weißen zumeist erspart bleibt und der ihnen deshalb auch
nicht zum politischen Bezugspunkt geraten kann. Dies zu ignorieren
(oder als reformistische Menschenrechtspolitik zu denunzieren), ist
nicht nur zynisch und borniert, nein, es verkennt auch einen
allgemeinen, für revolutionäre Gesellschaftsveränderung
fundamentalen Sachverhalt: Radikale Widerständigkeit ist ein
Privileg, keine Selbstverständlichkeit. Wer im absoluten
Existenzkampf steckt, der bzw. dem bleibt selten mehr als
Unterwerfung oder Unsichtbarkeit, oder aber (verzweifeltes)
RebellInnentum, welche seinerseits allerdings in den meisten Fällen
brutal zerschlagen wird. Demgegenüber bedarf die Entwicklung
langfristiger und grundlegender Widerstandsperpektiven ein Mindestmaß
sozialer und persönlicher Freiheit, gleichsam als Voraussetzung
dafür, individuelle und kollektive Emanzipationsprozesse initiieren
bzw. durchlaufen zu können. Ja, und deshalb scheint es mir äußerst
unangebracht (weil eben die Wirkungsmechanismen rassistischer
Diskriminierung verkennend), Kampagnen wie die
Anti-Residenzpflicht-Kampagne als verkürzten Antirassismus abzutun.
Vielmehr gilt es, solche Kampagnen zu unterstützen, auf dass immer
mehr Flüchtlinge in den Stand gesetzt werden, weitergehende
Perspektiven entwickeln zu können – so denn dies nicht sowieso schon
geschehen ist. Wohlgemerkt: „So denn“! Denn so wichtig es
ist, unterschiedliche Erfahrungshorizonte ernstzunehmen (inkl.
unterschiedlicher Schlußfolgerungen, die das nach sich ziehen kann),
so falsch wäre es, hieraus den allgemeinen Schluß zu ziehen,
Flüchtlingsselbstorganisationen seien prinzipiell weniger radikal,
ja reformistisch. Genau dieser Eindruck ist jedoch in der
Hamburg-Thüringen-Debatte regelmäßig erweckt worden, und zwar
dadurch, dass immer wieder (im Rahmen des allgemeinen
Anti-Thüringen-Bashings) die These eingespielt wurde, wonach die
Bezugnahme auf die soziale Lage als Ausgangspunkt antirasstischer
Praxis (wie gesagt: Ausgangspunkt!) automatisch bedeute, hierbei
stehenzubleiben, das Ganze also im (vorgeblichen) Elend
reformistischer Menschenrechtelei versacken zu lassen. Das allerdings
ist nicht nur dreist, sondern auch selbstgerecht, ist es doch nicht
zuletzt die undogmatisch Radikale Linke gewesen (auf welche sich die
Pro-HH-Fraktion permanent bezieht), die stets das Konzept der
„Politik in der 1. Person“ stark gemacht hat, also jene
Perspektive, wonach politische Praxis nicht in sog.
StellvertreterInnenpolitik erstarren, sondern vielmehr die eigene
soziale als Basis, d.h. als Ausgangs(!)punkt begreifen sollte, sei es
in Stadtteil-, Häuser- oder JobberInnenkämpfen. So betrachtet,
drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass in den letzten Monaten
immer wieder mit zwei Meßlatten hantiert wurde: Während deutsche
Bewegungslinkte sich sehr wohl zutrauen, den Kampf um die eigenen
Lebensbedingungen mit einer allgemeinen linksradikalen Perspektive zu
verknüpfen, stehen Flüchtlinge unter dem Generalverdacht, genau
dies nicht auf die Reihe zu kriegen bzw. gar nicht erst anzustreben,
ein Eindruck, gegen den sich bereits in Göttingen ein Vertreter von
The Voice vehement verwahrt hat!
2.
Das Gerücht, wonach politische Kooperation mit Flüchtlingen eine
lahme, ja geschäftsschädigende Angelegenheit, sei, ist arm, es gibt
Auskunft nicht zuletzt über den beschränkten Horizont derer, die
Solches behaupten. Denn unabhängig davon, ob The Voice und andere
MigrantInnenorganisationen humanistisch, radikaldemokratisch oder
ngo-mäßig sind, sich hiervon abschrecken zu lassen, ist alles
andere als plausibel. Worauf es ankommt, ist vielmehr, eine eigene
Positionsbestimmung in Sachen antirassistischer Kooperation
vorzunehmen. Wer dies tut, wird alsbald mit dreierlei (oder mehr…)
Einsicht belohnt werden: Erstens: Kooperation muß sich nicht in
reformistischer Unterstützungsarbeit oder gar Paternalismus (ob
karitativ oder instrumentell) erschöpfen. Nein, es sind auch andere,
insbesondere radikale Kooperationen vorstellbar. Zweitens:
Unterstützungsarbeit und andere, sei es soziale oder politische
Kooperationsformen schließen einander nicht aus. Im Gegenteil:
Langfristig (Stichwort: Transidentitäre, mehr noch: hybride
Bündnisse, s.u.) geht das eh ineinander über! Drittens: All dies
ist nicht nur Zukunfts-, sondern auch Vergangenheitsmusik. Dies
meint, dass die (in der Tat) häufige Reduktion von Anti-Rassismus
auf moralisch-humanitäre Unterstützungsarbeit ein eher jüngeres
Phänomen ist. Noch in den 80-er, auch in den frühen 90-er Jahren
ist Anti-Rassismus häufig in eine sozialrevolutionäre, d.h.
anti-kapitalistische Perspektive eingebunden gewesen. (vgl. hierzu
vor allem die Flüchtlingskampagne der RZ). Dies ist zwar seinerseits
mit zahlreichen Fragwürdigkeiten einhergegangen, immerhin wurde
Flüchtlingen und MigrantInnen die Last des globalen „Revolutionären
Subjekts“ aufgebürdet. Und dennoch: Es zeigt, dass wir in
Thüringen nicht vor der Neuerfindung des Rades stehen. In diesem
Sinne lohnt es auch, bereits gemachte Erfahrungen und Erkenntnisse
ernst zu nehmen. Verwiesen sei diesbezüglich insbesondere auf ein
vom Anti-Rassismusbüro/Bremen im September 2000 vorgelegtes
Strategiepapier, in welchem u.a. das Scheitern diverser
Kooperationsprojekte zwischen deutschen AntirassistInnen und
Flüchtlings- bzw. MigrantInnenselbstorganisationen analysiert wird.
Nachzulesen ist dies (inklusive einer nicht minder lesenswerten
Replik) unter: www.is-Bremen.de/arab.
Gewendet auf die Jetzt-Zeit, heißt dies: Es ist billig, (so wie das
Teile der Pro-Hamburg-Fraktion tun), unter Verweis auf den
derzeitigen Stand des Anti-Rassismus laut Bäh! zu schreien und
sodann die Biege nach Hamburg zu machen. Verdammt noch mal, das ist
doch keine Lösung! Wer ihre bzw. seine Kritik an der gegenwärtigen,
mitunter tatsächlich besorgniserregenden Verfaßtheit des
Antirassismus ernst meint, die bzw. der geht vielmehr nach Thüringen
und guckt, dass schnellstmöglichst Veränderungen in die Wege
geleitet werden. Dass dies nicht ohne Kritik, ja Auseinandersetzung
abgehen wird, das wird von überhaupt niemanden in Frage gestellt,
zuallerletzt von den refugees und migrants selbst!
3.
Ich komme zum (vorerst) letzten Argument, welches weniger Erwiderung
als vielmehr Outing einer Leerstelle (im Pro-HH-Diskurs) ist, einer
Leerstelle allerdings, die ominös und deshalb auszudeuten ist: sei
es als machtpolitischer Winkelzug, unfreiwillige Selbstentlarvung
oder aber skurille Hör- und Sehblockade. In der für die
Pro-Hamburg-Fraktion ausschlaggebenden Behauptung, wonach in
Thüringen v.a. Flüchtlingsunterstützungsarbeit geplant, dies
jedoch verkürzter und deshalb abzulehnender Anti-Rassismus sei, wird
nämlich geflissentlich unterschlagen, dass nicht nur auf den beiden
Nach- und Vorbereitungstreffen in Frankfurt und Göttingen, sondern
auch in mehreren schriftlichen Beiträgen Weiteres und Anderes als
das bislang Ausgeführte zugunsten von Thüringen in die Waagschale
geworfen wurde, und zwar von Leuten u.a. aus Frankfurt, Berlin und
Bremen: Demnach böte ein zusammen mit Flüchtlings- und
MigrantInnenorganisationen auf die Beine gestelltes Grenzcamp die
Chance, endlich den Umstand anzugehen, dass das antirassistische
Grenzcampvölkchen (bislang) ein mehrheitlich deutsch-weißes ist.
Denn dieser (auch aus anderen Zusammenhängen bekannte) Umstand ist
alles andere als harmlos. Nein, ganz im Gegenteil: Er ist Effekt
rassistischer Ein-und Ausschlußmechanismen, also weder Zufall noch
Neutrum, sondern Teil des Problems, welches wir vorgeben, mittels
antirassistischer Grenzcamps und anderer Aktivitäten bekämpfen zu
wollen. Konkret meint dies: MitgrantInnen, Flüchtlinge und
Papierlose sind zahlreichen institutionellen wie strukturellen
Schikanen, Diskriminierungen und Widrigkeiten ausgesetzt.
Dies
reicht von gezielten Strategien sozialer Isolation insbesondere im
Flüchtlingsbereich (Stichwörter wären: Heimunterbringung,
Arbeitsverbot, Residenzpflicht, Chipkartensystem…), geht weiter mit
(nicht zuletzt) struktureller Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt,
in der Welt der Lohnarbeit, im Bildungssystem, im Bereich politischer
Partizipation etc. und endet bei alltäglicher, sei es verbaler,
symbolischer oder physischer Gewalt. Sämtliche dieser Ausschlüsse
haben indessen – und das ist entscheidend – eine unabdingbare
Voraussetzung: Sie erfordern die Existenz einer kollektiven, nicht
nur nationalen, sondern auch rassistisch aufgeladenen WIR-Identität,
der ihrerseits ein wie auch immer geartetes IHR gegenüberzustehen
hat, bestimmt als das mehr oder minder Fremde bzw. Andere. Denn nur,
wo ein WIR von einem IHR unterschieden wird, ist es überhaupt
plausibel oder legitim (jedenfalls in rassistisch-national verfaßten
Gesellschaften), dass bestimmte Menschen den eben aufgelisteten
Schikanen, Diskriminierungen und Widrigkeiten unterworfen werden
können.
Die Existenz solcher WIR-IHR-Identitäten setzt allerdings doppelte, spiegelbildlich aufeinander bezogene Konstruktionsprozesse voraus, und das, weil derartige WIR-IHR-Identitäten nichts sind, was einfach so auffindbar wäre. Stattdessen ist festzuhalten, dass im Zuge historischer Prozesse (d.h. durch Kolonialismus und Sklaverei, durch Herausbildung kapitalistisch-patriarchaler Nationalstaaten, durch Apartheit und rassistische Diskriminierung etc.) Hautfarbe und andere, ebenfalls physische (und neuerdings auch kulturelle) Merkmale als vorgeblich bedeutsame Unterscheidungskriterien nicht nur konstruiert, sondern auch markiert (= bestimmt) wurden, und dass es auf dieser Grundlage (unter Rückgriff auf weitere, tatsächliche wie zugeschriebene Merkmale und Eigenschaften) zur Bildung verschiedener weißer, schwarzer und anderer Identitäten gekommen ist. Was dies genau heißt, dem kann an dieser Stelle nicht nachgegangen werden, würde dies doch die Beantwortung einer Vielzahl unterschiedlicher Fragen erforderlich machen, Fragen wie z.B. folgender: Was heißt blackness und whiteness, was heißt, dass Schwarzsein bzw. Weißsein historisch bzw. kulturell produzierte Identitäten sind, wie entstehen diese Identitäten, warum ist whiteness auf blackness angewiesen, was sind phantatisch-projektive Zuschreibungen (zwischen Lust, Begehren und Angst), wie und weshalb werden Zuschreibungen verinnerlicht und folglich Realität, wie verschränken sich blackness, whiteness und andere Herrschaftsverhältnisse (z.B. gender), inwieweit sind blackness und whiteness verkürzte und deshalb auszudifferenzierende Polarisierungen (hinsichtlich asiatischer, arabischer, osteuropäischer…) Identitäten etc etc.? Wie gesagt, jetzt möchte ich diesen Strang nicht weiter verfolgen, verwiesen sei aber auf den in der interim Nr. 541 bzw. im kassiber Nr. 47 abgedruckten Text „Koloniale Bilderwelt und Subjekt. Oder: whiteness, blackness und gender: Zur Verschränkung von Rassismus und Sexismus“. Dieser Text versucht nämlich, auf einige der eben aufgeworfenen Fragen Antworten zu formulieren, und auch handelt es sich um einen der Texte, welche im Laufe der Thüringen-Hamburg-Debatte zur Diskussion gestellt, welche allerdings von der Pro-Hamburg-Fraktion samt und sonders ignoriert wurden….
Zurück:
Führt sich mensch das eben Gesagte vor Augen, wird offensichtlich,
weshalb es alles andere als ein Zufall ist – dafür jedoch Effekt
rassistischer Ein- und Ausschlußmechanismen -, dass es innerhalb des
Grenzcamp-Zusammenhangs bislang zu keiner weiterreichenden
Kooperation zwischen refugees und non-refugees bzw. MigrantInnen und
Nicht-MigrantInnen gekommen ist. Denn nicht nur existieren zwischen
refugees, deutschen Weißen und MigrantInnen deshalb Unterschiede,
weil sie häufig unterschiedlichen gesellschaftlichen bzw.
kulturellen Kontexten entstammen und sich hierdurch die Summe
möglicher Überschneidungspunkte reduziert (womit allerdings nicht
das Vorurteil fester, streng voneinander abgezirkelter Kulturkreise
bedient werden soll, s.u.). Nein, zwischen refugees, deutschen Weißen
und MigrantInnen existieren nicht zuletzt deshalb Unterschiede, weil
sie qua rassistischer Verhältnisse unterschiedlich
vergesellschaftet, d.h. an unterschiedliche Orte im
gesellschaftlichen Raum „platziert“ werden. Oder
zugespitzer noch: Während deutsche Weiße zum gesellschaftlichen WIR
gehören (samt aller Einschlüsse, die das mit sich bringt) gehören
refugees und MigrantInnen zum gesellschaftlichen IHR (samt aller
Ausschlüsse, die das mit sich bringt). Und das gilt für alle, also
auch für weiße Linksradikale, sie mögen sich noch so wehren, aber
dem Privileg, nicht (!) rassistisch diskriminiert, ausgegrenzt und
schikaniert zu werden, dem kann ein deutscher Weißer in Deutschland
einfach nicht entkommen.
Hieraus
folgt indes, dass trans-identitäre (ja, mehr noch: hybride)
Organisierung die einzig angemessene Strategie ist, to fight racism
seriously! Um zu verstehen, was dies konkret meint, sollte mensch
sich zuallerest zwei Aspekte in Sachen Identität vor Augen führen:
Zum einen ist es – ob’s gefällt oder nicht – unumgänglich, die
Unterschiede zwischen den jeweiligen Identitäten anzuerkennen, d.h.
wahr- und ernstzunehmen! Schließlich sind unsere Identitäten
Ausdruck unterschiedlicher Erfahrungen, Erfahrungen, die je nach
Klasse, Geschlecht Ethnizität etc. unterschiedlich ausfallen und
folglich mit je spezifischen „Vorgaben“ zur Subjekt- bzw.
Identitäsbildung einhergehen. Zum anderen gilt aber auch, dass
Identität nichts ist, was einfach reflexartig, quasi von selbst
entstehen würde, je danach, an welchen Platz ein Mensch im
gesellschaftlichen Raum geraten ist. Nein, Identitäten sind immer
das Produkt eines Wechselspieles: Menschen sind zwar bestimmten
Bedingungen ausgesetzt (die sie sich nicht aussuchen können), es
gibt aber auch Spielräume, Spielräume, in welchen die eigenen
Umstände reflektiert werden und Veränderungs- oder gar
Revolutionswünsche entstehen können. (Gäbe es diese Spielräume
nicht, wäre es überhaupt nicht erklärbar, warum es „uns“,
warum es Widerstand überhaupt gibt). In diesem Sinne ist v.a. die
Identitätspolitik marginalisierter bzw. diskriminierter Gruppen
ernst zu nehmen (Lesben/Schwule, MigrantInnen und Flüchtlinge,
Frauen, Behinderte, etc.), denn um Widerstand leisten zu können, muß
zuallererst ein Widerstandskollektiv geformt werden, müssen sich die
Betreffenden über ihre jeweiligen Diskriminierungserfahrungen
genauso austauschen wie darüber, wohin die Reise gehen soll, eine
Strategie, die nicht selten mit einer (taktischen) Bejahung der
eigenen Marginalisiertheit verknüpft ist (verwiesen sei beispielhaft
auf das Kanaak Attack-Konzept). Ja, und mit Abstrichen gilt dies auch
für linken Widerstand im allgemeinen, auch dieser bedarf eines
kollektiven Wir’s, andernfalls wären die linken WiderständlerInnen
nicht mehr als ein wilder, überhaupt nicht handlungsfähiger
Hühnerhaufen.
Und dennoch: So wenig Identität in Bausch und Bogen verteufelt werden darf (ich bitte, dies zu berücksichtigen!), so sehr gilt umgekehrt, dass Identitäten in erster Linie Herrschaftsprodukte sind. In ihnen spiegeln sich, wie eben schon ausgeführt, die Summe der jeweiligen Erfahrungen wider, d.h. die Zumutungen (zum Guten wie zum Schlechten), die Diskriminierungen, die Schikanen, die Zwänge, die Normierungen, die Einordnungen, die Klassifizierungen, die Polarisierungen, kurz, alles das, was Menschen erleben müssen bzw. erleben dürfen. Ja, und weil das so ist, weil unsere Identitäten in erster Linie verinnerlichte Herrschaftsverhältnisse sind, weil wir zum Bestandteil der von uns bekämpften Verhältnisse gemacht werden, ist es unumgänglich, unsere Identitäten kritisch zu hinterfragen, d.h. sie auseinanderzupflücken und sie (langfristig) zu etwas ganz Anderem zusammenzusetzen: Es gilt (um’s auf dem Feld des Rassismus zu formulieren) Identitäten zu erproben, die jenseits rassistischer IHR-WIR-Polarisierungen angesiedelt sind, die nicht auf Abgrenzung, Aus- und Einschluß, projektiven Zuschreibungen etc. beruhen, sondern die im Fluß sind, sich immer wieder wandeln, weiterentwickeln, die das Andere nicht nur im Außen vermuten (bei den Fremden…), sondern auch in sich selbst, die aus sich heraus zu immer neuen Gewässern starten, neuen Gewässern nicht zuletzt in sich selbst (Stichwort: Freies Fluten – hey, merkt Ihr was!?). Angesagt ist mit anderen Worten das, was im anglo-amerikanischen Sprachraum mit dem leider etwas sperrigen Begriff der Hybridität bezeichnet wird: Wo sich hybride Identitäten bzw. hybride Kulturen herausschälen, da gibt es kein Außen, welches von einem wie auch immer bestimmten Innen streng abgeschottet wäre, dort ist es nicht mehr möglich, Dazugehörige und solche, die nicht dazugehören, auseinanderzusortieren und auf dieser Grundlage Diskriminierungs-, Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse zu errichten.
Doch
stopp: Das, was ich soeben formuliert habe, ist Zukunftsmusik, ist
nicht mehr als utopischer Fluchtpunkt. Denn wir stehen derzeit
irgendwo ganz anders. Wir sind – Achtung Zuspitzung! – Gefangene
unserer Identitäten, was auch nicht weiter verwunderlich ist,
schließlich ist es für keineN möglich (ob Flüchtling, weisser
DeutscheR oder MigrantIn), einfach mal die gesellschaftlichen
Verhältnisse (aus welchen unsere jeweiligen Identitäten
hervorgehen) auszuhebeln. Oder anders: Solange gesellschaftliche
Herrschaftsverhältnisse existieren, solange sind auch unsere
Identitäten unmittelbare, schattengleiche ZeugInnen dieser
Verhältnisse. Schade, aber wahr!
In
diesem Sinne kann’s in Thüringen um nicht mehr als erste Schritte
gehen, erste Schritte allerdings – und an dieser Stelle kommt das
schöne Wörtchen des Trans-Identitären in’s Spiel – welche die
engen Grenzen des eigenen Identitäts-Raumes hinter sich lassen, das
jedoch immer im Wissen darum, dass Identitäten äußerst
unterschiedlich ausfallen können, also gar nicht so ohne Weiteres
zusammenpassen und deshalb stets geguckt werden muß, wo’s paßt und
wo nicht und wo es ggf. auch ansteht, zu streiten, zu streiten nicht
zuletzt darüber, wie (langfristig) ein solches anti-rassistisches
Widerstands-WIR herausgebildet werden kann, welches seinerseits
bereits trans-identitär, ja hybrid gestaltet ist. Oder anders: In
Thüringen soll’s vor allem darum gehen, mittels trans-identitärer
Organiserung, dem Kern des Rassismus das Wasser abzugraben: Rassismus
setzt Trennungen voraus (WIR-IHR…) und errichtet sie immer wieder
neu. Dem kann nur begegnet werden, indem die Trennungsschrauben
gelockert und teilweise auch aufgedreht werden, indem also
Flüchtinge, deutsche Weiße und MigrantInnen kooperieren, auf dass
nicht nur die Identitätsmauern eingerissen (oder zumindetens
angekratzt), sondern auch die direkt hiermit zusammenhängenden
Herrschaftsverhältnisse bekämpft werden, sei es das
Abschieberegime, das Arbeitsverbot oder die handfeste Gewalt auf der
Straße.
Indes: Hiervon wollen verschiedendste Leute aus der Pro-HH-Fraktion nichts wissen, und zwar so wenig, dass es einige von ihnen vorgezogen haben, den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten, wie und mit welchen Argumenten für Thüringen überhaupt argumentiert wurde. Dafür scheint es im Gegenzug (wie gesagt: es scheint!), als ob es einige der Hamburg-Zampanos vorzögen, in ihrem eigenen Saft weiterzuschmoren, d.h. ihren eigenen Schrebergarten (in den Farben: deutsch-weiß-autonom) weiter zu bestellen, und das im Namen eines, wie es immer wieder heißt, echten (eines guten, eines reinen, eines ordentlichen….) Bewegungscamps. In diesem Zusammenhang eine Frage: Kann mir mal eineR, irgendeineR erklären, warum es nicht möglich sein soll, in Thüringen ein linksradikales und d.h. auch: ein transidentitäres Bewegungscanp auf die Beine zu stellen. Mensch, Hirschkäfergezwitscher noch mal: Das wäre doch cool, tausend mal cooler (und obendrein eine riesige Chance), als einmal mehr eine antirassistische Grenzcamp-Vollversammlung mit mehrheitlich deutsch-weißem Personal abzuhalten!!!
6. Fazit
In der Zwischenbilanz hieß es, dass für Hamburg insbesondere Schill sowie infrastrukturelle Vorteile sprechen würden. Dies ist einiges, aber in meinen Augen nicht genug, jedenfalls nicht im direkten Vergleich, also gemessen daran, dass in Thüringen ganz Neues auf uns wartet, Neues, was schwierig, herausfordernd und obendrein privilegien-infragestellend ist, was umgekehrt aber auch eine Chance darstellt, die Chance nämlich, auf eine Viezahl der Notwendigkeiten reagieren zu können, um die wir langfristig sowieso nicht rumkommen (so wie „wir“ ja auch nicht um’s patriarchale Geschlechterverhältnis rumkommen…). In diesem Zusammenhang sei schließlich noch angemerkt, dass mensch die Chance dort am Schopfe packen sollte, wo sie sich bietet. Dies ist insbesondere an die Adresse derer gerichtet, die immer wieder darauf hingewiesen haben, dass mensch ja auch in Hamburg mit Flüchtlingen und MigrantInnen kooperieren könnte. Das ist zweifelsohne richtig. Allein: In Hamburg gibt es derzeit keinen Flüchtlinge und MigrantInnen, die in vergleichbarer Weise wie The Voice oder die Flüchtlingsinitiative Brandenburg mit dem Grenzcamp verschwistert wären. In diesem Sinne sollte mensch – so denn ihm das Trans-Identitäre tatsächlich am Herzen liegt – lieber dort zupacken, wo sich die Chance auftut, anstatt in Hamburg auf die Suche nach kooperationsbereiten Flüchtlingen und MigrantInnen zu gehen. Ein Vorhaben, welches sowieso zum Scheitern verurteilt wäre, wie jedeR einräumen wird, die bzw. der überhaupt schon mal die Mühe auf sich genommen hat, so etwas wie trans-identitäre Bündnisse zu schmieden. Kurzum: In meinen Augen gibt es viele gute Gründe (von denen im vorliegenden Text noch nicht einmal alle genannt wurden – wie z.B. „Rechte Hegemonie angreifen!“), dass diese Jahr die Musik in Thüringen spielt.
Indes:
Es ist zu spät. Beträchtliche Teile der bisherigen
Grenzcampvorbereitung (darunter viele der Altvorderen) haben sich
verabschiedetet und bereiten mittlerweile die Schill-Y-Out-Days in
Hamburg vor. Dies ist – allen Differenzen zum Trotz – für das
diesjährige Grenzcamp ein gewaltiges Manko, einmal ganz davon
abgesehen, dass alles dies keine Meisterleistung auf dem Feld
politischer Kultur gewesen ist. Und dennoch – da beißt die Maus
keinen Faden ab -,es ist so, weshalb uns gar nichts Anderes übrig
bleibt, als die politische (!) Auseinandersetzung zu suchen, droht
doch anderernfalls einmal mehr ein spießiges (weil voneinander
abgeschottetes) Nebeneinander autonomer KleingärtnerInen. In diesem
Sinne rufe ich Euch an, Ihr RitterInnen des Streits, welche Ihr ja
laut Selbstauskunft seid: Brecht Eurer Land-in-Sicht-Schweigen, hört
auf, Gerüchte zu streuen, nenntt Roß und ReiterIn, sagt, weshalb
ein Grenzcamp in Thüringen in Euren Augen eine politische Sackgasse
darstellt. Inhaltliche Textmasse, auf die Ihr Euch beziehen könnt,
gibt es ja mittlerweile hinreichend viel!
Olaf
Bernau – alias Gregor
Samsa