Mit dem Rücken zum Weltmarkt. IWF, Warlords und Rohstoffpreise treiben Elfenbeinküste in Ruin
Beilage des NoLager-Netzwerks in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (2. Februar 2007)
Jahrzehntelang galt die Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire) als wirtschaftliche Perle Westafrikas. Dies hatte nicht nur mit ihrer bis heute unangefochtenen Spitzenstellung als weltweit größtem Kakaoproduzent zu tun. Genauso wichtig ist der Export weiterer Rohstoffe wie Kaffee, Kautschuk und Holz sowie der Umstand gewesen, dass es in vergleichsweise großem Umfang gelungen war, eine eigenständige Lebensmittel-, Textil- und Chemieindustrie aufzubauen. So erklärt es sich auch, weshalb seit den 1970er Jahren mehrere Millionen ArbeitsmigrantInnen größtenteils aus Burkina Faso und Mali in die Elfenbeinküste eingewandert sind – insbesondere um in der überwiegend kleinbäuerlich strukturierten Kakao-Produktion ein Auskommen zu finden. Allein: 2002 ist das Land in einen grausamen Bürgerkrieg abgeglitten, wie bereits in den 1990er Jahren die Nachbarländer Sierra Leone und Liberia: Mehrere tausend Menschen sind seitdem getötet worden, über 500.000 wurden außer Landes vertrieben, etwa 1 Millionen befinden sich innerhalb der Elfenbeinküste auf der Flucht. Auslöser der Kämpfe ist das bis heute hartnäckige Bestreben der Regierung, nicht nur EinwanderInnen, sondern auch etlichen der im Norden des Landes lebenden IvorerInnen das Wahlrecht vorzuenthalten. Letzteren mit dem historisch aberwitzigen Argument, dass ihre Vorfahren ursprünglich in das Gebiet der heutigen Elfenbeinküste eingewandert seien und folglich nicht als echte IvorerInnen in Betracht kämen.
Hinter der xenophoben Frage, wer überhaupt IvorerIn ist, stecken jedoch ökonomische und soziale Verwerfungen, deren Wurzeln bis in die 1980er Jahre zurückreichen. Damals sackten die Weltmarktpreise für Kaffee, Kakao und ähnliche Rohstoffe massiv ab – was nicht zuletzt die Folge immer brutalerer Preisdiktate marktmächtiger Zwischenhändler sowie Supermarktketten im Norden war. Hierdurch gingen der Elfenbeinküste wertvolle Deviseneinnahmen verloren, insbesondere zur Schuldentilgung. Um überhaupt zahlungsfähig zu bleiben, sah das Land keine andere Möglichkeit, als Kredite beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch zu nehmen und somit auch dessen obligatorischen Strukturanpassungsprogramme zu installieren. Die neoliberale Rezeptur aus Privatisierung, Liberalisierung, Senkung der Staatsausgaben, Marktöffnungen und Wechselkurssenkung versagte jedoch – wie überall in Afrika – auf ganzer Linie: Die noch junge Industrie in der Elfenbeinküste konnte dem nunmehr wachsenden Konkurrenzdruck durch Firmen aus dem Norden nicht stand halten und knickte mehrheitlich ein. Zusammen mit der Privatisierung staatlicher Unternehmen führte dies zu vermehrter Arbeitslosigkeit und schrumpfender Binnennachfrage, was seinerseits katastrophale Konsequenzen für unzählige Kleinbetriebe hatte. Knüppeldick kam es jedoch erst 1999, als die Elfenbeinküste auf Geheiß von IWF & Co. die staatlich garantierten Mindestpreise für Kakao, Kaffee, Baumwolle und Kautschuk abschaffte. Über Nacht halbierten sich hierdurch – gemäß des Preisniveaus auf den Weltmärkten – die Einkommen der Kleinbauern und -bäuerinnen. Dieser Angriff auf die wirtschaftlichen Lebensadern des Landes haben einen massiven Beitrag zur systematischen Destabilisierung des Landes geleistet, einschließlich ausländerfeindlich aufgeladener Spannungen unter der Landbevölkerung selbst.
Mit Beginn des Kriegs schlug einmal mehr die Stunde der KriegsgewinnlerInnen, also jener Warlords, welche den Krieg absichtsvoll in die Länge ziehen, weil sie vom Verkauf jener Rohstoffe profitieren, die sich innerhalb der von ihnen kontrollierten Gebiete befinden. Die nicht versiegende Nachfrage des europäischen und asiatischen Marktes nach Tropenholz ist es gewesen, welche diverse Rebellengruppen dazu gebracht hat, den illegalen Holzeinschlag im ivorisch-liberianischen Grenzgebiet zu forcieren (einschließlich jener Konsequenzen wie etwa Versteppung oder Zerstörung der Artenvielfalt, welche mit der Zerstörung von Regenwald stets einhergehen). Im übrigen ist das Geschäft für alle Beteiligten nicht zuletzt deshalb eine überschaubare Angelegenheit, weil es oft dieselben Firmen aus dem Norden sind, welche nicht nur das Holz abtransportieren, sondern auch die Waffen zur Fortführung des Krieges liefern.
Die einst aufstrebende Elfenbeinküste gehört heute zu den höchstveschuldeten Ländern der Welt, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 45,9 Jahren.