15.06.2026 | Warum viele Menschen in Mali die Terrorserie vom 25. April anders wahrnehmen als westliche Beobachter:innen. Beobachtungen nach eine Mali-Besuch Ende April/Anfang Mai.

BAMAKO / BREMEN | Als am 25. April frühmorgens eine Autobombe den malischen Verteidigungsminister Sadio Camara in der Garnisonsstadt Kati tötete, war die Explosion noch in weiten Teilen der 15 Kilometer entfernten Hauptstadt Bamako zu hören. Der Anschlag gehörte zu einer koordinierten Angriffswelle der dschihadistischen Terrormiliz JNIM und des separatistischen Tuareg-Bündnisses FLA, die an diesem Tag das gesamte Land erschütterte. Entsprechend tief sitzt der Schock bis heute, auch wenn der Alltag schon längst zurückgekehrt ist. „Viele Menschen schrecken nachts auf, weil sie glauben, einen Knall gehört zu haben“, berichtet Aissata Soumaoro, Koordinatorin einer Frauenkooperative in Bamako am Telefon.

Verunsichert hat die Menschen vor allem, dass die staatlichen Nachrichtendienste im Vorfeld kaum etwas mitbekommen haben. Verstörend war zudem, dass der Anschlag auf den Verteidigungsminister nur durch ein Informationsleck in seinem persönlichen Umfeld möglich gewesen sein soll. Vielerorts ist von Verrat die Rede. Beides zeige, so der Tenor in etlichen Gesprächen, dass der von den Militärs seit ihrer Machtübernahme 2020 propagierte Mentalitätswandel hin zu einem neuen – einem souveränen – Mali noch nicht wirklich vollzogen sei. Weder im Staatsapparat noch in der Bevölkerung.

Umso bedenklicher ist, dass sich die landesweite Sicherheitslage seit dem 25. April erneut zugespitzt hat: Die Armee hat zwar die Kontrolle über die Anschlagsorte zurückgewonnen – mit Ausnahme der Wüstenstadt Kidal, die derzeit von separatistischen Tuareg-Rebellen gehalten wird. Gleichzeitig haben dschihadistische Kräfte ihre bereits seit September 2025 laufenden Angriffe auf zivile Infrastruktur verstärkt. Konkret bedeutet dies, dass Busse, LKWs und Privatfahrzeuge auf zentralen Verkehrsachsen zur Umkehr gezwungen, ausgeplündert oder angezündet werden – nicht zuletzt im Großraum Bamako. Eine echte Mangellage besteht noch nicht. Es ist daher auch irreführend, von einer Blockade der Hauptstadt zu sprechen, wie das in internationalen Medien häufig geschieht. Aber die Preise explodieren – mit dramatischen Konsequenzen für die alltägliche Versorgung. Die Erzählung einer 40-jährigen Buchhalterin, die nicht namentlich genannt werden möchte, vermittelt einen Eindruck von den alltäglichen Herausforderungen: „Keine Frage, die Sicherheit ist gewährleistet, doch wir sind sehr erschöpft. Zur höllischen Hitze kommt noch der Mangel an Treibstoff und Strom. Es ist wirklich hart, aber wir müssen es ertragen, um die aktuelle Phase zu überstehen.“ Auch Aissata Soumaoro – die bereits zitierte Frauenaktivistin – spricht von einer angespannten Situation. Insbesondere das jüngst zurückliegende islamische Opferfest sei beklemmend gewesen. Denn viele Familien hätten sich kein Schaf zum Schlachten leisten können. Hinzu komme, so Aissatou Soumaoro, dass Taxis und Kleinbusse wegen Dieselengpässen immer seltener zum Einsatz kämen. Sie selbst hätte nicht aufs Land fahren und günstige Erdnüsse einkaufen können, obwohl diese für die Lebensmittelproduktion ihrer Organisation unverzichtbar seien.

Trotz prekärem Alltag Unterstützung der Regierung

Angesichts dieser dramatischen Schilderungen ist es für Außenstehende häufig nur schwer nachzuvollziehen, weshalb viele Malier:innen die Lage ihres Landes überwiegend optimistisch beurteilen – im scharfen Kontrast zu internationalen Beobachter:innen, die mehrheitlich davon ausgehen, dass der Sturz der malischen Militärregierung unter Assimi Goita lediglich eine Frage der Zeit sei. Beispielsweise berichtete Al Jazeera bereits zwei Tage nach den Anschlägen im April, dass hinter den Kulissen intensiv über einen gesichtswahrenden Rückzug von Militärchef Assimi Goita verhandelt würde.

Wer diese Kluft verstehen möchte, muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass viele Menschen in Mali mit den Militärs weiterhin die Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel verbinden – auch wenn bei Umfragen die ehemals hohen Zustimmungswerte mittlerweile leicht rückläufig sind. Denn in ihren Augen trägt die alte, 2020 von den Militärs abgesetzte politische Klasse die Hauptverantwortung für all jene Krisen, die die Dschihadisten seit Mitte der 2000er Jahre überhaupt erst groß gemacht haben. Nur so wird verständlich, weshalb Bourema Diallo – ein knapp 60-jähriger Flussfischer aus der Region Timbuktu – die Anschläge nicht als Ausdruck eines grundlegenden Scheiterns, sondern als Weckruf begreift: „Die Ermordung von Sadio Camara hat den Maliern Mut und Widerstandskraft gegeben. Sie haben endgültig verstanden, dass es nicht um Assimi Goita, sondern um Mali geht.“

Bei allen berechtigten Zweifeln hält ein Großteil der Bevölkerung den Militärs nicht nur ihre zahlreichen Reformbemühungen zugute: Beispielsweise den Bergbausektor zu reformieren, die Infrastruktur auszubauen oder bei offiziellen Reden die Nationalsprache Bambara zu verwenden – anstatt französisch, wie es jahrzehntelang üblich war. Auch Fortschritte bei der Sicherheit werden von vielen positiv angemerkt, zumal hier häufig Einigkeit zwischen Unterstützer:innen und Gegner:innen der Militärs zu beobachten ist: Einerseits wird hervorgehoben, dass Mali die lange an Frankreich und andere westliche Länder outgesourcte Verantwortung für den Antiterrorkampf wieder selbst übernommen habe – mit begleitender Unterstützung durch knapp 2.000 russische Kräfte. Viele Malier:innen erleben dies als einen Zugewinn an Sicherheit, gerade im Vergleich zu den Jahren 2013 bis 2020, als trotz der Präsenz von 20.000 internationalen Soldat:innen immer mehr lokale Ableger von Al Qaida und IS entstanden sind. Andererseits sehen viele Menschen in der seit 2023 erfolgten Ausweitung des Operationsgebiets des Terrornetzwerks JNIM kein Zeichen von Stärke. Vielmehr sei die JNIM durch die kontinuierlich wachsende malische Armee derart unter Druck geraten, dass sie begonnen habe, in Kleingruppen primär zivile Ziele im gesamten Land anzugreifen – selbst auf die Gefahr hin, von weiten Teilen der Bevölkerung noch kategorischer abgelehnt zu werden.

Vor diesem Hintergrund kann die rigorose Antwort der malischen Armee auf die Terrorserie am 25. April nicht verwundern. Neben täglichen Luftangriffen gehören hierzu auch administrative Maßnahmen wie das Verbot großer Motorräder außerhalb von Städten – um die An- und Abfahrt der Dschihadisten zu ihren Anschlagsorten zu erschweren. Oder die Deklarierung von 39 Waldgebieten zu militärischen Sperrzonen – um zivile Opfer bei der Bekämpfung dschihadistischer Basislager zu vermeiden. Ob die Bevölkerung bereit ist, derart einschneidende Maßnahmen langfristig mitzutragen, bleibt abzuwarten. Aber die aktuelle Zustimmung scheint groß zu sein. Auch bei Anna Cissé, einer Hebamme und Lebensmittelhändlerin, die nach einem Sprengstoffanschlag auf einen Fernbus mit acht Toten am 1. Juni per Sprachnachricht geradezu flehentlich ausruft: „Genug ist genug! Wir alle – ob Junge, Frauen oder Männer – sind jetzt zum Krieg bereit. Einfach, weil wir endlich Frieden wollen.“

Verhandlungsbereitschaft bei Niederlegung der Waffen

„Frieden durch Krieg“, so in etwa lautet der kleinste gemeinsame Nenner, der die Menschen in Mali nach knapp 15 Jahren Terror zusammenschweißt. Westliche Beobachter:innen sehen darin häufig die unkritische Übernahme eines von den Militärs favorisierten rein militärischen Antiterrorkampfes. Aber es wäre falsch, die tatsächliche Friedensbereitschaft zu verkennen. Denn ob Fischer:innen, Buchhalter:innen oder Lebensmittelhändler:innen – sie alle kennen prekäre Lebensverhältnisse aus eigener Anschauung, wissen also ganz genau, dass der Dschihadismus langfristig nur durch eine Verbesserung der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen zurückgedrängt werden kann. Zu bedenken ist auch, dass Dialog, Toleranz und Kompromiss tief in der malischen Gesellschaft verankerte Grundprinzipien darstellen – im engen Wechselspiel mit dem ebenfalls auf Ausgleich bedachten Sufi-Islam, der bis heute das Glaubensverständnis der meisten Malier:innen formt. Entsprechend haben nationale Dialoginitiativen in den letzten Jahren stets die Notwendigkeit von Verhandlungen mit dschihadistischen Gruppen hervorgehoben. Aber nur mit solchen, die sich ernstlich für die Geschicke des Land interessieren, und nur unter der Bedingung, dass die Waffen niedergelegt werden.

Eng mit der Suche nach Lösungen sind auch geopolitische Fragestellungen verbunden. Beispielsweise wurde in Deutschland immer wieder Ulf Leassing von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit der Aussage zitiert, wonach der 25. April auch als Niederlage Russlands zu werten sei. Denn Russland habe es genauso wenig wie Frankreich vermocht, die Gewalteskalation im Sahel zu stoppen. In Mali werden solche Überlegungen vehement kritisiert. In ihnen drücke sich lediglich der Unwille aus, den von Mali vollzogenen Bruch mit Frankreich zu akzeptieren. Betont wird stattdessen, dass Mali das Recht habe, seine eigenen Bündnispartner auszusuchen, zu denen unter anderem Russland, China und die Türkei gehören würden – bei Interesse auch Deutschland und andere westliche Länder. Ob sich der von Mali seit 2022 neu beschrittene Weg langfristig als tragfähig erweisen wird, lässt sich noch nicht abschätzen, wie der Journalist Nouhoum Keita betont – wobei er mit einer Prise Galgenhumor hinzufügt, dass auch die Malier:innen das Recht hätten, „sich gegebenenfalls zu irren und souverän aus ihren Fehlern zu lernen“

Olaf Bernau war zuletzt Ende April zwei Wochen in Mali. Im Januar 2027 erscheint sein neues Buch „Hoffnung im Schatten des Terrors. Der Sahel und die Geburt einer postwestlichen Weltordnung“ (Arbeitstitel).