20.08.2026 | Was die Malier:innen denken – Mali-Mètre 2026 veröffentlicht (Friedrich-Ebert-Stiftung)

Seit 2012 führt die Friedrich-Ebert-Stiftung in Mali einmal jährlich eine umfassende Umfrage zur Haltung der Bevölkerung zu zentralen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen durch. Das Projekt ist nicht nur aufgrund seiner Kontinuität einzigartig, sondern auch deshalb, weil es in den Regionalhauptstädten aller Regionen (grob vergleichbar mit Bundesländern) durchgeführt wird – wobei aufgrund der alltäglichen Mobilität der Sahelbevölkerung ein viel dichterer alltäglicher Austausch zwischen Land- und Stadtbevölkerung üblich ist als anderswo auf der Welt. Bemerkenswert sind die Ergebnisse einmal mehr deshalb, weil sie eine völlig andere Sprache sprechen als das, was bei uns in Europa üblicherweise zu lesen ist – meist im Anschluss an jene Expert:innen-Studien, die häufig nur am Bildschirm und mittels einiger weniger (Telefon/Zoom-) Interviews entstehen, sich aber nicht echter Vorort-Erfahrung verdanken. Insofern sei auf eine erste Kurzeinschätzung verwiesen, die ich für das zivilgesellschaftliche Netzwerk Fokus Sahel geschrieben habe – inklusive einiger der wichtigsten Studien-Ergebnisse (letztere übersetzt mit deepl.com).


Gestern hat die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bamako die Ergebnisse des 15. Mali-Mètre vorgestellt – einmal mehr öffentlich, mit Zugang für alle Interessierten:

https://mali.fes.de/e/default-b07dcc77f71abfc18e0798e3ca4aab11.html

Die Umfrage wurde vom 10. bis 24. April durchgeführt – also in einer Periode, in der die extremen Benzinengpässe wegen der Angriffe auf Tanklaster noch sehr frisch zurücklagen, die aber nicht mehr den verheerenden Terroranschlag vom 25.04. abgedeckt hat, bei dem u.a. der malische Verteidigungsminister getötet wurde. Die Wochen nach dem 25.04. waren von großer Verunsicherung geprägt, doch diese Stimmung hat sich nach meinen Beobachtungen durch den einmal mehr intensivierten Antiterrorkampf in jüngerer Zeit wieder gedreht, sodass die Zahlen zum Sicherheitsempfinden wahrscheinlich auch heute zutreffend sein dürften – zumal sie ohnehin einem langfristigen (den Aussagen internationaler Sicherheitsexpert:innen stark widersprechenden) Trend folgen.

Ansonsten fällt auf, dass es zwar leichte Rückgänge in der Zufriedenheit mit der Regierung, beim Zukunftsoptimismus etc. gibt, dass die Zustimmungsraten zu der Militärregierung unter Assimi Goita aber weiterhin extrem hoch sind (auch verglichen mit anderen Regierungen weltweit). Vieles ist m.E. verständlich – anderes muss bzw kann deprimieren. Umso mehr möchte ich einmal mehr dafür plädieren, die Ergebnisse als Ausdruck eines komplexen und widersprüchlichen Transformationsprozesses zu verstehen (in dem die innen- und außenpolitischen/geopolitischen Karten neu gemischt werden – bei gleichzeitigem extremen Druck von innen und außen) – nicht aber als Ausdruck von Propaganda, Manipulation oder Unverständnis, was definitiv zu kurz greifen würde (in meinem im Januar 2027 erscheinenden Sahelbuch verwende ich für diese ambivalenten Entwicklungen den Terminus „progressiver Autoritarismus“).

Geht man ins Detail und vergleicht man die unterschiedlichen Antworten der Regionen, aber auch die insgesamt deutliche Kritik an der malischen Justiz, dann wird m.E. auch deutlich, dass sich die Befragten durchaus frei in ihren Antworten gefühlt haben (auch wenn der Begriff der „freie Entscheidung“ aus soziologischer Perspektive ein prinzipiell problematisches Konzept ist – hier in Europa genauso wie dort im Sahel). Bedauerlich ist in meinen Augen lediglich, dass es keine direkte Frage zur politischen Repression gab – wobei sich aus dem hohen Grad der Zufriedenheit mit der Regierung zumindest indirekt ableiten lässt, dass dieser Punkt keine ausschlaggebende Kraft hat (im Sinne einer prinzipiellen Delegitimierung). Ebenfalls fehlend oder nur punktuell bzw. indirekt werden konkrete Fragen zu ökonomischen und infrastrukturellen Entwicklungen abgefragt (außer zur Elektrizität, die sich aber gerade in den letzten Wochen zumindest in Bamako im Vergleich zu 2025 erheblich verbessert hat).

Auf jeden Fall möchte ich der FES ein großes Dankeschön dafür aussprechen, dass sie sich einmal mehr auf das schwierige Projekt einer solchen Umfrage eingelassen hat.

Last but least habe ich im Anhang einige der wichtigsten Ergebnisse aus der Summary rauskopiert – aber wie gesagt: Alle Trends müssen jeweils mit Blick auf die Regionen „gegengelesen“ werden, wobei das Mali-Mètre seit jeher die relative Größe der Regionen mitberücksichtigt).

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WICHTIGSTE ERGEBNISSE:

Entwicklung der allgemeinen Lage im Land: Mehr als die Hälfte der Malierinnen und Malier (54,5 %) gibt an, dass sich die allgemeine Lage des Landes in den letzten zwölf Monaten verbessert hat, während die Einschätzungen fast identisch sind bei
denjenigen, die antworten, dass die Lage unverändert geblieben ist (22,5 %) oder sich verschlechtert hat (22,4 %).

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Entwicklung des Sicherheitsniveaus in den Regionen in den letzten drei Monaten: Aus den Ergebnissen dieser Umfrage geht hervor, dass sieben von zehn Malierinnen und Maliern (74,6 %) der Meinung sind, dass das Sicherheitsniveau in den Regionen in den
letzten drei Monaten zurückgegangen ist; für 15,3 % hat es sich nicht verändert und für 7,2 % ist es gestiegen.

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Zufriedenheit mit der Arbeit der Verteidigungs- und Sicherheitskräfte: Die Malier sind mehrheitlich zufrieden mit der Arbeit der Verteidigungs- und Sicherheitskräfte, wobei 63,1 % sehr zufrieden und 31,1 % eher zufrieden sind.

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Zufriedenheit mit der Bewältigung des Übergangsprozesses: Die Ergebnisse zeigen, dass mehr als vier von fünf Personen zufrieden sind (53,3 % sind sehr zufrieden und 35,2 % eher zufrieden). Besonders hoch ist dieser Wert in den Regionen Kayes (91,3 %), Koulikoro (92,6 %), Sikasso (96,2 %), Ségou (90,9 %) und Ménaka (98,9 %), wo mehr als neun von zehn Befragten ihre Zufriedenheit mit der Bewältigung der Übergangsphase zum Ausdruck bringen.

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Zufriedenheitsgrad mit dem Umgang der Regierung mit der Kraftstoffkrise: Fast vier von fünf Personen sind zufrieden: 43,7 % sind sehr zufrieden und 35,6 % eher zufrieden. Der Zufriedenheitsgrad ist am höchsten in den Regionen Koulikoro (91,9 %), Sikasso (93,0 %), Bamako (92,0 %), gefolgt von Ségou (83,1 %) und Ménaka (80,7 %). Die Gegner dieser Einschätzung sind vor allem in Gao (nur 20,7 % zufrieden) und in Kidal (29,2 % zufrieden) zu finden.

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Vertrauen in die gesellschaftspolitischen Akteure: Der Präsident der Übergangsregierung verzeichnet mit 63,6 % „sehr zufrieden“ und 27,7 % „eher zufrieden“ die höchste Zufriedenheitsrate. Es folgen die Übergangsregierung (34,9 % „sehr zufrieden“ und 43,9 % „eher zufrieden“) sowie vom Nationalen Übergangsrat
(26,8 % „sehr zufrieden“ und 38,6 % „eher zufrieden“). Mehr als drei von fünf Maliern sind mit der Zivilgesellschaft zufrieden (18,4 % „sehr zufrieden“ und 43,2 % „eher zufrieden“).

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Sicherheitsgefühl beim Verlassen des Wohnorts zu einem anderen Ort: Am sichersten ist die Fortbewegung für die Menschen in Timbuktu, wo sich mehr als vier von fünf Personen (87,8 %) sicher fühlen, wenn sie ihren Wohnort verlassen, um sich an einen anderen Ort zu begeben. Es folgen Koulikoro (74,4 %), Sikasso (70,8 %), Bamako (73,8 %) sowie bei mehr als drei von fünf Personen in der Region Ségou (64,2 %). Mopti steht im Gegensatz dazu, da mehr als neun von zehn Personen (92,6 %) angeben, sich nicht sicher zu fühlen, wenn sie sich von ihrem Wohnort zu einem anderen Ort begeben.

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Häufigkeit von Konflikten zwischen und innerhalb von Gemeinschaften: In Bamako (95,0 %) und Gao (98,9 %) sind mehr als neun von zehn der Meinung, dass Konflikte zwischen und innerhalb von Gemeinschaften nicht vorkommen. Diese Meinung teilen mehr als vier von fünf Personen in Kayes (82,2 %) und Koulikoro (88,4 %) sowie mehr als drei von fünf Personen in Sikasso (64,6 %) und Ségou (61,8 %).

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Zufriedenheit mit der Gründung der Konföderation der Sahelstaaten (AES): Mehr als vier Malier*innen von fünf (84,3 %) sind mit der Gründung der Konföderation der Sahelstaaten (AES) zufrieden. Diese Zufriedenheit gilt für die meisten Regionen, mit Ausnahme der Region Mopti, wo zwei von drei Personen (66,9 %) damit zufrieden sind, gegenüber 22,7 %, die es nicht sind.

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Vertrauensgrad in Russland, Mali dabei zu helfen, seine territoriale Integrität wiederzuerlangen: Mehr als vier von fünf Maliern von fünf haben großes Vertrauen (62,0 %) und ein gewisses Vertrauen (24,3 %) in Russland, Mali bei der Wiederherstellung seiner territorialen Integrität zu unterstützen. Das Vertrauen in Russland ist in den Regionen Sikasso (93,8 %), Ségou (95,6 %), Timbuktu (97,8 %) und Ménaka (98,9 %) am höchsten.

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Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit zwischen Mali und Russland: Mehr als neun von zehn Maliern sind damit zufrieden: 54,7 % sind sehr zufrieden und 32,3 % eher zufrieden.

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Einschätzung der malischen Justiz: In den Regionen Mopti (78,5 %), Timbuktu (83,1 %) und Ménaka (70,5 %) teilen mehr als sieben von zehn Menschen die Ansicht, dass die malische Justiz korrupt ist. Die Hälfte der Bevölkerung in den Regionen Ségou (50,3 %), Taoudenni (55,6 %) und Bamako (57,8 %) teilt diese Ansicht.

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Wichtigste Informationsquellen: Radio und Fernsehen sind die wichtigsten Informationskanäle der Malier*innen für aktuelle Nachrichten und Informationen im Allgemeinen. Diese Medien werden von 27,3 % bzw. 21,6 % der Malier*innen genutzt. Auf diese klassischen Quellen folgen TikTok (19,7 %), Familie und Freunde/Mundpropaganda (9,4 %), Facebook (8,5 %), Websites (6,9 %) und WhatsApp (4,8 %).