Keine einfachen Antworten. Stichworte zum Verhältnis von Migration und Entwicklung

Beilage von Afrique-Europe-Interact in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (8. Dezember 2016)

Ob Migrant_innen der Entwicklung ihrer Länder nutzen oder schaden, ist schon lange Gegenstand kontroverser Debatten – nicht nur in Europa, sondern auch innerhalb der afrikanischen Zivilgesellschaft. Dennoch hat die Frage seit vergangenem Jahr erheblich an Brisanz gewonnen. Migrationspolitisch setzt die EU mehr denn je auf Abschottung, negative Auswirkungen auf die Herkunftsländer von Migrant_innen werden weitgehend ausgeblendet (> S. 1). Gleichzeitig geht Europa davon aus, so genannte Fluchtursachen gezielt bekämpfen und somit junge Menschen von der Migration abhalten zu können.

Beides scheint freilich einigermaßen weltfremd: Zum einen haben die vergangenen zwei Jahrzehnte hinlänglich gezeigt, dass sich potentielle Migrant_innen nicht so sehr an abschreckenden Beispielen orientieren, sondern an Erfolgsgeschichten, sprich: an jenen Migrant_innen, die es bereits geschafft haben. Der immer wieder propagierte Slogan „Europa oder der Tod“ ist ein beredtes Zeugnis dieser Haltung. Zum anderen ist aus zahlreichen Ländern bekannt, dass gesellschaftlicher Fortschritt Migrationsbewegungen in einem ersten Schritt anwachsen, nicht zurückgehen lässt. In der Forschung ist deshalb von einem so genannten „Migrationsbuckel“ die Rede: Erst wenn ein jährliches Bruttonationaleinkommen von rund 4.000 Euro pro Kopf erreicht ist (wovon die meisten afrikanischen Länder nur träumen können) nimmt die generelle Bereitschaft zur Migration wieder ab. Migration aus dem Süden dürfte also auf absehbare Zeit ein zentraler Faktor bleiben, ihr Verhältnis zu Entwicklungsfragen ist deshalb für alle Beteiligten von hoher Bedeutung.

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Mit Zuckerbrot und Peitsche. Valletta-Prozess zwingt Afrika zu repressiver Grenzpolitik

Beilage von Afrique-Europe-Interact in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (8. Dezember 2016)

Wie so oft hat den Anfang ein kurzes Handyvideo auf facebook gemacht. Zu sehen ist ein Mann, der sichtlich erschöpft auf einem Flugzeugsitz kauert. Polizisten in Zivil bedrängen ihn, Passagiere fordern lautstark „Keine Gewalt“. Der Mann – sein Name ist Amadou Ba – sollte am 27. Oktober 2016 von Deutschland nach Mali abgeschoben werden. Doch die Abschiebung scheiterte, ein zweites Video zeigt, wie Amadou Ba auf dem Rollfeld in Paris abgeführt wird, auch in dieser Szene rufen Passagiere empört, dass sich Gewalt in Frankreich verbiete. Seitdem sitzt Amadou Ba in Frankfurt am Main im Gefängnis. Ein zweiter Abschiebetermin ist für den 17. Februar 2017 anberaumt, vorher soll er noch wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vor Gericht gestellt werden.

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„Es geht um Geben und Nehmen“. Ein Gespräch mit Alassane Dicko (Bamako)

südlink (Nr. 175) im März 2016

Zirkuläre Migration als Entwicklungsmodell in Westafrika und die fatalen Folgen der repressiven Einwanderungspolitik der Europäischen Union. Das Interview mit Alassane Dicko führte Olaf Bernau Anfang Februar in Bamako.

Bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag hast du im Juni 2014 ausgeführt, dass Migration schon seit langem in den zyklischen Abläufen der malischen Kultur verankert sei. Was heißt das konkret und welche Zusammenhänge bestehen zur Migration nach Europa?

Hinsichtlich Europa – um mit dem zweiten Teil der Frage zu beginnen – sei exemplarisch auf die Region Kita im Westen Malis verwiesen. Die französische Kolonialmacht hat dort systematisch den Anbau von Erdnüssen forciert, die in Europa weiterverarbeitet wurden. Hierdurch haben die ansässigen Communities [M.K.1] wie die Malinka oder die Sarakolé bereits früh Kontakt mit den Weißen beziehungsweise mit Frankreich bekommen. Im Zweiten Weltkrieg wurden sodann viele Männer zwangsrekrutiert, um in der französischen Armee gegen Deutschland zu kämpfen. Nach dem Krieg war Frankreich auf männliche Arbeitsmigranten angewiesen, und auch hier hat Kita als Anwerberegion eine wichtige Rolle gespielt. Insgesamt heißt dies also, dass sich unsere ohnehin bestehende Bereitschaft zur Arbeitsmigration schrittweise mit Europa verknüpft hat.

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Von Lampedusa zum Alarm Phone. Eine Notruf-Nummer soll Bootsflüchtlinge in Seenot unterstützen

Beilage von Afrique-Europe-Interact in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (4. Dezember 2014)

Über ein Jahr ist es her, dass europäische Politiker_innen angesichts der Bootskatastrophe von Lampedusa am 3. Oktober 2013 mit mindestens 366 Toten weitgehende Veränderungen angemahnt haben. Beispielsweise der damalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso: „Die EU kann nicht akzeptieren, dass Tausende Menschen an ihren Grenzen sterben.“ Oder der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck: „Wegzuschauen und sie hinein segeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, das missachtet unsere europäischen Werte.“ Um so unbegreiflicher, ja menschenverachtender ist es, dass sich die Situation in den letzten 12 Monaten weiter zugespitzt hat:

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Aus Lampedusa lernen. Fluchtwege öffnen, neokoloniale Zerstörung beenden

Beilage von Afrique-Europe-Interact in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (5. Dezember 2013)

Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Quer durch Europa haben die Särge von Lampedusa einen längst überfälligen Schrei des Entsetzens ausgelöst. Immer offenkundiger wird, dass der tausendfache Tod auf dem Meer oder in der Wüste unmittelbare Konsequenz der brutalen Migrationskontrolle an den EU-Außengrenzen ist. Um so bemerkenswerter, ja zynischer erscheint es, dass sich die europäische Politik bislang weitgehend unbeeindruckt zeigt – trotz des fast schon historisch anmutenden Stimmungswandels innerhalb beträchtlicher Teile des medialen Mainstreams. Die Toten spielen so gut wie keine Rolle, vielmehr wird unverändert die militärische Hochrüstung der Grenzen vorangetrieben – unter Federführung Deutschlands als dem eigentlichen Nutznießer der Festung Europa.

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Politische Zensur. EU-Einreiseverbote für Oppositionelle

Beilage von Afrique-Europe-Interact in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (7. Juni 2013)

Im Jahr 2009 wurden 10,7 Prozent aller weltweit bei deutschen Auslandsvertretungen gestellten Visa-Anträge zur Einreise in die Bundesrepublik Deutschland abgelehnt, wobei keinesfalls aus dem Blick geraten sollte, dass die regionalen Unterschiede beträchtlich sind: So wurden in Guinea 54 Prozent aller AntragstellerInnen zurückgewiesen, in der Demokratischen Republik Kongo 44 Prozent und im Senegal 41 Prozent. Grundsätzlich dürften diese Zahlen kaum überraschen. Denn Fakt ist, dass die mehr oder weniger restriktive Visapolitik lediglich das bürokratische Gegenstück zum knallharten und oftmals tödlichen Grenzregime an den Außengrenzen der EU darstellt – was wiederum der Grund dafür ist, weshalb mutmaßlich 99,9 Prozent aller potentiellen Visa-Anträge gar nicht erst gestellt werden.

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Wie deine Freiheit mit meiner verbunden ist. Stichworte zur Vor- und Nachgeschichte des langen Sommers der Migration

Buchbeitrag: Martin Kolek (Hrsg): Neuland. Mission Possible. KolegVerlag 2017

Am 26.11.2016 hat in Bochum im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer eine Tagung unter dem Titel „Zwischen Aufrüstung und Border Struggles – Alternativen zum Europäischen Grenzregime“ stattgefunden. Der hier abgedruckte Text ist die verschriftlichte und zugleich komprimierte Version meines einstündigen Einleitungsvortrags zu dieser Tagung. Inhaltlich werde ich die Vor- und Nachgeschichte des in jedweder Hinsicht spektakulären Sommers der Migration im Jahr 2015 stichwortartig rekonstruieren. Zudem soll dies mit weiteren grundlegenden Überlegungen verknüpft werden, unter anderem zu praktischen Interventions- und Widerstandsperspektiven.1

Schön guten Tag, herzlich willkommen auch von meiner Seite, und vor allem vielen Dank an die Organisator_innen für die freundliche Einladung, zum Auftakt dieser Tagung sprechen zu dürfen! Bevor ich ins Thema einsteige, möchte ich den Blickwinkel etwas genauer skizzieren, der meinen Überlegungen maßgeblich zugrunde liegt. Denn ich rede nicht als Wissenschaftler, Journalist oder ähnlich ausgewiesener Experte, sondern als Vertreter des transnationalen Netzwerks Afrique-Europe-Interact. Und diese doppelte Anbindung an zwei Kontinente ist wichtig, nicht nur wenn es darum geht, die unterschiedlichen afrikanischen und europäischen Perspektiven zusammenzubringen, sondern auch hinsichtlich der grundsätzlichen Frage, wie der aktuelle status quo langfristig überwunden werden könnte.

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Recht zu bleiben, Recht zu gehen. Interview mit Alassane Dicko (Bamako)

Beilage von Afrique-Europe-Interact in der bundesweiten Ausgabe der tageszeitung taz (23. Dezember 2010)

Was bedeutet Migration für Mali heute?

Familien ohne mindestens einen Angehörigen außerhalb Malis sind heutzutage selten. Migration ist die Hauptalternative für junge und in prekären Situationen lebende Menschen, die auf der Suche nach Möglichkeiten für ein besseres Leben sind. Privatisierung von Unternehmen und Landenteignungen stürzen Millionen Menschen in Unsicherheit über ihre Zukunft, das treibt sie erst recht an, über ein besseres Leben irgendwo anders nachzudenken.

Die AME kämpft nicht nur für Bewegungsfreiheit, sie plädiert auch dafür, dass die Menschen in Mali bleiben und dort für einen generellen Wandel der Gesellschaft kämpfen sollen. Ist das eine realistische Option?

Die Jugend von heute sollte sich an den Aktionen zur Veränderung in unserem Land orientieren, anstatt immer nur irgendwo anders hingehen zu wollen. Unsere Ziele basieren auf der Wertschätzung des Lokalen, des Individuums und der regionalen Produktion. Neben der Bewegungsfreiheit betonen wir auch das Recht zu bleiben, also die Möglichkeit, sich im eigenen Lande zu verwirklichen. Denn das ist der Punkt, an dem gegen die Globalisierung und Ungerechtigkeit gekämpft werden muss. Die Alternative soll nicht das Überleben in Armut sein, sondern der Kampf mit den jeweils eigenen Mitteln und Kapazitäten, um die Dinge voranzutreiben. Aber prinzipiell gilt: Jeder ist frei und soll gehen, wohin er will, das ist die Grundlage.

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Autonome Hintereingänge?! „Festung Europa“- und „Autonomie der Migration“-Diskurse

Forum Wissenschaft 3/2006

In antirassistischen Bewegungen haben sich unterschiedliche Diskurspositionen zur globalen Migration v.a. von Flüchtlingen herausgebildet, die Klärungsprozesse herausfordern, zumal vor dem G8-Gipfel im nächsten Jahr. Die theoretische Konzipierung von Flüchtlingsmigration wird mit entscheiden über die praktische Kritik und die Möglichkeit, antirassistische und weitere herrschaftskritische Positionen miteinander zu verzahnen. Olaf Bernau setzt sich auseinander mit Positionen in zwei wichtigen Debattensträngen.

Ist von Flucht bzw. Migration die Rede, durchzieht die (antirassistische) Linke bereits seit Jahren ein tiefer Riss: Während die einen von der „Festung Europa“ sprechen und vornehmlich das immer ausgeklügelter organisierte Grenz-, Lager- und Abschieberegime attackieren, favorisieren andere das Konzept der „Autonomie der Migration“ als archimedischen Bezugspunkt. Demnach dürfe nicht aus dem Blick geraten, dass allen Abschottungsbemühungen zum Trotz jährlich mehrere hunderttausend Menschen irregulär in die EU einreisen und ihr Überleben unter selbstbestimmten, wenn auch äußerst prekären Bedingungen organisieren würden. Migration sei in diesem Sinne als „sozialer Protagonismus“, d.h. Widerständigkeit, zu dechiffrieren, ja sie könne sogar als „erfolgreichste soziale Bewegung“ bezeichnet werden.

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