24.01.2022 | Kontraproduktive Sanktionen. Nach dem Putsch in Mali hat Westafrika drakonische Strafen verhängt. Dabei kann die Übergangsregierung sehr wohl Erfolge vorweisen (taz-Kommentar)

Dieser Kommentar ist am 24.01.2022 in der tageszeitung taz erschienen.

Die jüngere Geschichte Malis lässt sich entlang verschiedener Stränge erzählen. Einer beginnt im Frühsommer 2020. Damals versammelten sich Zehntausende zu Massendemonstrationen in Bamako, mobilisiert von einer Regenbogenkoalition aus linken, zivilgesellschaftlichen und religiösen Kräften. Die Menschen forderten den Rücktritt von Präsident Ibrahim Boubacar Keita. Dieser fiel insbesondere durch Korruption und Vetternwirtschaft auf – zudem zeigte er sich unfähig, gegen die Vielfachkrise im Norden und Zentrum des Landes vorzugehen, nicht zuletzt gegen den dschihadistischen Terror. Umso größer war der Jubel, als die Armee intervenierte und eine aus Militärs und Zivilist:innen zusammengesetzte Übergangsregierung bildete. Bereits damals betonte die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, dass Putsche unakzeptabel seien. Gleichzeitig war offenkundig, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung den Putsch befürwortete, die ECOWAS vereinbarte daher mit ihrem Mitgliedsstaat Mali eine 18-monatige Übergangsfrist.

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23.12.2021 | Widersprüchliche Lage in Mali: Trotz Gewalt und Repression breite Beteiligung der Bevölkerung an nationalen Versammlungen

Die gesellschaftliche Lage in Mali ist unverändert dramatisch: Zum einen spitzt sich die Gewalteskalation immer weiter zu – insbesondere im Zentrum des Landes. So wurde am 3. Dezember morgens um 8 Uhr ein Lastwagen mit lokalen Händler:innen aus dem Dorf Songho in die Luft gesprengt. Er war auf dem Weg zum Markt in Bandiagara, 31 Menschen starben, darunter auch Kinder. Zum anderen ist die aus einem Doppelputsch hervorgegangene Übergangsregierung in jüngerer Zeit erheblich unter Druck geraten, ungeachtet dessen, dass sie weiterhin über großen Rückhalt in der breiten Bevölkerung verfügt. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, den Übergangsprozess bis zu den nächsten regulären Wahlen unnötig in die Länge zu ziehen. Im Zentrum der Kritik steht Premierminister Choguel Maïga, nicht so sehr Assimi Goita, Offizier und eigentliches Staatsoberhaupt des Landes. Hinzu kommt, dass sich Angehörige der politischen Klasse vermehrt Anklagen gegenübersehen, ein für Mali eher unübliches Phänomen. Meist geht es um Bestechlichkeit und Unterschlagung, aber auch unliebsame Kritik soll mundtot gemacht werden.

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26.11.2021 | Marebougou im Zentrum Malis: Wie sich die Bevölkerung gegen die Belagerung von Dörfern durch Dschihadisten wehrt

Marebougou liegt im Zentrum Malis – südlich von Mopti. Das Dorf wird seit Mitte Oktober von Kämpfern der dschihadistischen Gruppierung Katiba Macina belagert. Wer versucht, Marebougou zu verlassen, läuft Gefahr erschossen zu werden. Diese Konstellation ist nicht neu. 200 Kilometer entfernt sind die 3.000 Bewohner:innen des Dorfes Farabougou im Norden des Bewässerungsgebietes Office du Niger seit über einem Jahr von Dschihadisten umzingelt – unterbrochen lediglich von einer kurzen Ruhepause anlässlich eines mündlich geschlossenen Friedensvertrages im März 2021 (vgl. den Beitrag der Deutschen Welle „A Farabougou, le risque d’un précédent pour le Mali“ vom 15.04.2021 sowie den Blogeintrag „Zur Eindämmung lokaler Gewaltkonflikte in Mali durch lokale Friedensverhandlungen. Hinweise zu den Analysen von Boubacar Ba“ vom 11.11.2021 ).

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11.11.2021 | Zur Eindämmung lokaler Gewaltkonflikte in Mali durch lokale Friedensverhandlungen. Hinweise zu den Analysen von Boubacar Ba

Boubacar Ba gehört in Mali zu den bekanntesten Sozialwissenschaftler:innen. Er stammt aus der Region Mopti und beschäftigt sich schon lange mit der Frage, weshalb in Mopti und Segou (den beiden Regionen, die das Zentrum des Landes markieren) die Gewalt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen immer stärker eskaliert. Hieraus sind in den letzten Jahren zahlreiche wichtige Veröffentlichungen hervorgegangen, unter anderem zwei Aufsätze, die er mit Tor A. Benjaminsen veröffentlicht hat: „Fulani-Dogon Killings in Mali: Farmer-Herder Conflicts as Insurgency and Counterinsurgency“ (African Security, Volume 14, 2021 – Issue 1) und „Why do pastoralists in Mali join jihadist groups? A political ecological explanation“ (The Journal of Peasant Studies, 46:1, 1-20 ). Im Kern geht Ba von der These aus, dass die Konflikte nur verständlich werden, wenn die allgemeinen Krisen (Krise des Staates, Klimakrise, Krise der Ökonomie etc.) mit lokalen Konfliktkonstellationen kurzgeschlossen würden. Denn die Geschichte zeige, dass aus einer allgemeinen Krise nicht automatisch eine lokale Gewalteskalation erfolge. Dieses Credo wird auch in einer kurzen Untersuchung deutlich, die Ba Anfang September mit Beatriz de León Cobo unter dem Titel „Centre du Mali : l’accord de Niono, d’un espoir de paix durable à la résurgence du conflit“ veröffentlicht hat.

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10.11.2021 | Office du Niger (Mali): Frauen-Proteste nach Anschlag auf Überlandstraße (inklusive Interviews)

In Mali ist das Bewässerungsgebiet des Office du Niger (das sich 270 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bamako erstreckt) mittlerweile zu einem der Hauptschauplätze bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen terroristischen – meist dschihadistischen – Gruppierungen einerseits und Selbstverteidigungsgruppen sowie malischen Sicherheitskräften andererseits geworden (vgl. u.a. den Beitrag Lokale Konflikte und Gewalteskalation im Office du Niger (Mali) vom 22.09.2021). Zu den Taktiken terroristischer Gruppen gehören insbesondere nadelstichartige Angriffe auf Dörfer, auf Ernten und Erntegeräte und auf öffentliche Infrastruktur. Die Menschen sollen eingeschüchtert und gefügig gemacht werden – mit dem Ziel, den Staat zu vertreiben und selber Kontrolle über immer größere Gebiete zu erlangen. Einer dieser Angriffe erfolgte in der Nacht vom 1. auf den 2. November 2021, indem zwischen Diabaly und Dogofry ein riesiges Loch in die wichtige Überlandstraße RN 33 gesprengt wurde.

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24.10.2021 | Mali – warum zahlreiche Menschen in Mali keinen sofortigen Abzug der Bundeswehr fordern

Nicht nur die Friedensbewegung (darunter die Informationsstelle Militarisierung in Tübingen), sondern auch große Teile der Partei DIE LINKE fordern den Abzug der Bundeswehr aus Mali (gemeint ist in erster Linie die Beteiligung an der UN-Friedensmission MINUSMA und an der EU-Ausbildungsmission EUTM). Doch solche Forderungen verkennen die Lage in Mali gänzlich – vor allem ist es absolut irreführend, die Situation in Afghanistan mit Mali zu vergleichen. Denn in Mali stellen die terroristischen – meist unter dschihadistisch-religiöser Flagge agierenden – Gruppierungen eine absolute Minderheit dar, anders, als die Taliban in Afghanistan. Entsprechend fordert die Bevölkerung unisono einen umfassenden Schutz durch malische Sicherheitskräfte, und das wiederum ist der Grund, weshalb die Ausbildungsmission der EU überwiegend für gut befunden wird (ungeachtet dessen, dass die regelmäßig vorkommenden Übergriffe und Gewaltakte malischer Soldat:innen und Polizist:innen durchaus gesehen und verurteilt werden). Und gleiches gilt auch für die UN-Mission MINUSMA. Diese wird zwar kritisiert, aber nicht grundsätzlich. Gefordert wird vielmehr, dass MINUSMA die Zivilbevölkerung effektiver vor dem gezielten Terror schützen solle, was ja auch der Hauptauftrag von MINUSMA ist. Demgegenüber wird die maßgeblich von Frankreich getragene Anti-Terror-Operation Barkhane scharf kritisiert.

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20.10.2021 | „Selten habe ich im Sahel einen derartigen Überdruss am Westen erlebt“. Interview mit dem Anthropologen Jean-Pierre Olivier de Sardan

Vorbemerkung: Seit Jahrzehnten gehört der französisch-nigrische Anthropologe Jean-Pierre Olivier de Sardan zu den bekanntesten Vertreter:innen seines Faches. 2001 gründete er in Niamey das Forschungsinstitut LASDEL (Laboratoire d’études et de recherches sur les dynamiques sociales et le développement local), an dem heute mehr als 30 Wissenschaftler:innen aus verschiedenen afrikanischen Ländern arbeiten. Am 4. Oktober erschien in der französischen Tageszeitung Liberation ein bemerkenswertes Interview mit dem inzwischen 80-jährigen emeritierten Professor – der Titel lautete: «Au Sahel, j’ai rarement observé un tel ras-le-bol à l’égard de l’Occident» [Selten habe ich im Sahel einen derartigen Überdruss am Westen erlebt]. Das Interview behandelt auf pointierte Weise viele Aspekte der aktuellen Vielfachkrise im Sahel, befindet sich aber leider hinter einer Bezahlschranke. Insofern habe ich lediglich einige der in meinen Augen spannendsten Passagen ausgewählt und übersetzt. Dramatisch klingt unterdessen das Fazit von Jean-Pierre Olivier de Sardan. Danach hätte der radikale Islamismus im Sahel schon längst die Oberhand gewonnen, auch wenn er ungleich weniger brutal auftrete als die Taliban oder der IS.

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14.10.2021 | Weshalb sich bäuerliche Gruppen in Mali ein stärkeres Engangement Deutschlands wünschen und was sie zur Rolle des internationalen Militärs denken

Nicht nur in friedenspolitischen Kreisen, auch in der allgemeinen Öffentlichkeit wird der Bundeswehreinsatz in Mali immer öfter in Frage gestellt. Diese Skepsis ist verständlich, denn im gesamten Sahel verschlechtert sich die Sicherheitslage zunehmend. Und doch ist die Forderung nach einem Abzug aller internationalen Militärkräfte aus Mali bzw. den Sahelländern hochgradig problematisch. Verkannt wird zweierlei: Einerseits, dass ein solcher Abzug mit großer Wahrscheinlichkeit in kurzer Zeit zur Machtübernahme dschihadistischer bzw. terroristischer Gruppierungen führen würde – ähnlich wie dies in Afghanistan durch die Taliban der Fall gewesen ist. Andererseits, dass es zu kurz greift, die Konfliktdynamiken im Sahel primär auf ausländische Militärinterventionen zurückzuführen – bei gleichzeitiger Ausblendung komplexer interner Konfliktdynamiken (vgl. hierzu den Blogeintrag Lokale Konflikte und Gewalteskalation im Office du Niger (Mali) vom 22.09.2021). Insofern kann es nicht verwundern, dass die Menschen in Mali deutlich vielschichtiger argumentieren, als es die deutsche Debatte vermuten lässt. Konkret wird ein ganzes Maßnahmebündel gefordert:

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01.10.2021 | Protestmarsch von Bauern und Bäuerinnen nach Diabaly (Office du Niger/Mali). Interview mit zwei Beteiligten

Vorbemerkung: Das Office du Niger ist ein Bewässerungsgebiet in Mali, das bereits im Kolonialismus angelegt wurde – damals mit dem Ziel, die französische Textilindustrie mit billiger Baumwolle zu versorgen. Anfangs wurden bäuerliche Familien zwangsverpflichtet, im Office du Niger zu arbeiten, Und die Erinnerung daran ist bis heute lebendig, wie in den beiden Interviews deutlich wird. Mittlerweile wird im Office du Niger vor allem Reis und Gemüse angebaut, zum Teil auch Zuckerrohr – überwiegend von kleinbäuerlichen Haushalten. Doch das Office du Niger ist aktuell mit zwei großen Problemlagen konfrontiert:

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22.09.2021 | Lokale Konflikte und Gewalteskalation im Office du Niger (Mali)

Am 22. September 2021 erhielt ich per Whatsapp ein Video aus Mali, in dem ein aufgebrachter Jäger aus der Bewässerungsregion Office du Niger (im Zentrum Malis) Mitgliedern der bewaffneten Dschihadisten-Gruppe „Katiba Massina“ (Massina-Befreiungsfront) mit Vergeltung droht, sollten sie ihre Belagerung des Dorfes Dogofry nicht sofort beenden. Das Video zeigt die ganze Komplexität der aktuellen Gewalteskalation im Sahel, wie auch eine zusammenfassende Übersetzung deutlich macht, die mein Mitstreiter Alassane Dicko aus Bamako dankenswerterweise auf französisch erstellt hat (teils in direkter, teils in indirekter Rede):

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